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Die Alte warf sich zu Boden und schrie; dann kroch sie, immer schreiend, auf den Knien heran und bettete die Tote in ihren Armen und ihr Haupt an ihrem Herzen. „Und ihr letztes Wort bat um die chine sischen Kleider,“ weinte sie auf, „sie wollte ihrer Familie keine Schande machen, sie wollte in anständigen chinesischen Kleidern im Sarg liegen.“ A-Wong kam still herein. „Schrei nicht so!“ sagte er ruhig. „Das mußte sein, und sie tat recht, nun hat sie ihr Gesicht wieder und kann in Ehren begraben werden. Draußen warten schon die Träger mit dem Sarg. Die Familie hat es eilig!“ Hagen hatte bis jetzt an der Wand ge lehnt, unfähig, sich zu rühren. Vielleicht träume ich! — dachte er wieder und wie der. Jetzt ging er mit ruhigen Schritten ans Fenster. Im Morgenlicht sah er die zahl reichen Träger im Hof, sie saßen wartend auf den Bänken und rauchten friedlich ihre Wasserpfeifen. Und sah den Sarg — Er taumelte — Dabei streiften ihn die draußen lang herabhängenden Rosen ranken. Er pflückte eine der mattschim mernden weißen Knospen, beugte sich sacht zu Djin-Me nieder und legte ihr die Blume aufs Herz. Dann wandte er sich zur Tür. Seine Züge waren aschgrau. A-Wong trat ihm im Flur entgegen. Ilagens Gesicht zuckte: „Du bist entlassen“, sagte er tonlos und ging aus dem Hause. A-Wong packte sein kleines blaues Bündel und ging auch. — Sein Herr hatte ihn im Verdacht, Djin-Me’s Aufenthalt verraten zu haben. Er hatte sein Gesicht verloren, er wußte sich aber unschuldig. Er hatte zu niemandem über das Mädchen gesprochen. Wie kurzsichtig diese Fremden waren! Die Kaiserin hatte ihre Spione. Djin-Me hatte einen Brief an ihre alte Dienerin gesandt, es war nur zu natürlich, daß njan auch dort nach ihr forschte, und ihr kleiner Zettel war von den Häschern gelesen worden, ehe Amah ihn in ihre Hände bekam. Dann waren die Verwandten benachrichtigt worden. Wenn sie so töricht handelte, war es nicht seine, A-Wongs, Sache, und im übrigen fand er die Lösung als das einzig Gehörige und Schickliche. Djin-Me wird ein schönes Be gräbnis haben, viele weißgekleidete Klage weiber würden vier Tage an ihrem Sarge schreien und heulen. Gongs und dumpfe Trommeln würden Tag und Nacht tönen im Hause ihres Vaters. Was wollte sie mehr? — — Das Leben selbst erscheint in China, wo die Menschen so billig sind, keine so * überaus wichtige Sache wie bei uns. * — Im Bureau der Gesandtschaft fehlte Hagen am nächsten Tage. Man brauchte ihn zu einer Besprechung, und als man ihn in seiner Wohnung nicht fand, schickte man einen Boten ins Gartenhaus; doch dort war Tür und Tor verschlossen. Am zweiten Tage ging ein bleicher, um Jahre gealtert und verwüstet aussehender Hagen zum Gesandten und bat um seine so fortige Entlassung nach Europa. Was ist geschehen? Er sei krank. Der Gesandte, der den jungen, begabten Menschen gern mochte, versuchte, einen Erholungsurlaub nach Japan vorzuschlagen, das ostasiatische Allheilmittel für jeden Nervenzusammen bruch. Aber Hagen ging nicht darauf ein. Als er die Stufen der Gesandtschaft her- unlerkam, begegnete ihm der Legations sekretär und fuhr ihn an: „Es ist eine Schmach, Hagen, wie Sie Ihren Gaul zu schanden geritten haben, sind Sie irrsinnig geworden?“ „Vielleicht“, antwortete Hagen in einem Ton und mit einem Gesichtsausdruck, daß dem ändern das Einglas entfiel. „Tun Sie mir die Liebe, Graf, und schießen Sie dem armen Vieh eine Kugel durch den Kopf.“ Damit entfernte er sich. Der Abend sah Hagen im transsibirischen Expreß auf dem Wege nach Berlin. Aus dem frischen Jungen war ein blasser, grü belnder Mann geworden, —■ und vor China graute ihm... (Die Rolle der Djin-Me wurde von Kock-Ling- Schien, die des Hagen von Andre Maltoni und die des Dieners von Nien-Sön-Ling dargesiellt. Kostüme und Dekorationen lieferte die Firma Ernst Fritsche, Berlin.) 46