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schenkte eine Gunst, wenn sie ihn zum Blei ben aufforderte. So dünkte es ihm. Ihr aber war, als schenke er ihr mit seinem Bleiben ein leises, stolzes Glück. Der Abend war warm. Der Duft der tausend Sommerblüten des Gartens mischte sich magisch mit dem aufreizenden, ein schläfernden Rhythmus der Grillenstimmcn. Ihr eintöniges Surren durchzitterte die tro pischen Sommernächte wie eine ewig be bende Frage, die ewig ohne Antwort bleibt. Hagen wunderte sich, daß er dem Zauber der Sommernacht so seltsam aufgeschlossen war; er sah in Djin-Me's Augen das Ster nenlicht sich spiegeln und wunderte sich, daß jemand so rührend schön sein könne. Djin-Me lag still in ihrem Stuhl und wun derte sich auch — darüber, daß dieser Garten und dieser Nachthimmel so seltsam voller Glanz und Glorie waren. Ihre Hand lag in der seinen, leicht und warm wie ein schlafender Vogel. Er erzählte ihr von den Sternen, die wan dernde Welten waren, von seiner nordischen Heimat, von seiner jungen S diwester, die sehr fromm sei, bunt durcheinander. „Was ist fromm?“ fragte Djin-Me. „Sie ist ein sehr gutes und liebes Kind und betet viel.“ „Was ist beten?“ „Mit Gott sprechen.“ „Wer ist Gott?“ Ihn schwindelte vor der Wucht dieser in kindlichem Ernst gestellten Urzcitfiage. ■— Er suchte Antwort zu finden, und er fand sie — aus schlummernden Tiefen seiner Er kenntnis; tief in seinem Herzen brachen plötzlich Quellen auf, wo er dürres Land wähnte. „Das ist schön“ — sagte das Mädchen leise. Sie halte den Kopf zurückgebogen, und ihre großen dunklen Augen blickten in den Himmel über sieb, als suche sie ein Neues, Wunderbares hinter den Sternen . .. Plötzlich ging ein leises Erschauern über sie hin, und Hagen erinnerte sich, daß sie noch schonungsbedürftig sei und Hube brau chen würde. Er half ihr ins Zimmer und schickte sich zum Gehen an. Er legte den Arm um sie, da lehnte sie sich einen flüchtigen Augen blick leicht an ihn und sah ihn mit einem unaussprechlich guten Lächeln an. „Morgen komme ich wieder!“ flüsterte er in ihre Augen hinein. 0 „Wie gut wird das sein!“ antwortete sie ebenso. Dann ging er. Und A-Wong, der das Pferd bereit gehalten hatte, schloß das Tor sorgfältig hinter ihm ab. Diese Nacht und den ganzen nächsten Tag bis zum Abend, als er sich erst spät vom Dienst freimachen konnte, war er wie in einem Bausch und Traum, in einer drän genden Unruhe. Als er endlich wieder im Gartenhaus ankam, lag sie wie gestern im Long-chair, sehr bleich mit geschlossenen Augen. Er hielt sie für schlafend. Es rührte ihn zu sehen, daß sie sein Geschenk, den lichten japanischen Kimono, angetan halte; denn er hatte gut verstanden, daß sie als Chinesin innere Widerstände zu über winden halte, da den Chinesinnen das lose, an Hals und Armen offene Gewand, unter dem die Japanerin fast nichts trägt, als un- ziemlich erscheint. Er hatte ihr lächelnd gesagt, daß selbst seine junge Schwester diese Gewänder trüge, und daß er sie, Djin-Me, gern einmal darin sehen würde. Sie trug auch heute ihr Haar schlicht gescheitelt und im Nacken geknotet, nicht nich Mandschu- art. Sie erschien ihm lieblicher als je, nur über die Blässe ihres Gesichtes beunruhigte er sich. Plötzlich schlug sie die Augen auf •— andere Augen als gestern — fast geister hafte Augen, und sah ihn an, daß sein froher llerzschlag stockte. „W as ist?“ — Es war, als ob ihre Lip pen sich nur mühsam öffneten: „Amali ist gekommen“, sagte sie tonlos. „Du freust dich nicht —?“ „Sie — sie kam — zu spät...“ Das Mädchen richtete sich halb auf und schwankte ein wenig. „Zu spät? Warum?“ rief er geängstigt. „Ja, ich — — man nimmt mich nach Hause. — Man hat mich gefunden, man war hier. Frage nicht — ja, es ist schwer — — aber es ist das beste —“. Sie lächelte und nahm zaghaft seine Hand: „Du kommst so spät.. Er hätte gern noch mehr gefragt, aber sie schien so gequält und so matt. Er bettete 42