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er, daß sie aus sehr vornehmem Hause sein mußte. An ihren Füßen, ja! — Denn er hatte in aller Ruhe etwas getan, was in den Augen der Chinesen als unerhört gilt: er hatte die bluldurchtränktcn seidenen Lappen von ihren Füßen entfernt und während ihrer langen Ohnmacht diese gebadet, gesalbt und verbunden, so gut es ging. Djin-Me war zu ihrem Glück noch zu schwach, irgend etwas davon zu merken, sonst würde die Scham, daß ein Mann ihre nackten Füße gesehen hatte, sie fast ver nichtet haben. Die anständige Chinesin schämt sich ja seihst, ihre bekleideten Füße einem Mann zu zeigen. Als Djin-Me später merkte, was ihr ge schehen, hatte sie schon zu dem fremden Doktor Vertrauen gefaßt. (Um sie zu be ruhigen, hatte er ihr gesagt, er sei Arzt.) — Er erzählte ihr auch in seinem mangelhaften, aber leidlich verständlichen Chinesisch, daß er dies Ilaus von einem Mandarin für den Sommer gemietet habe, oft hierher ritte und Sonntags meist den ganzen Tag hier verbringe. * Was wußte Djin-Me vom Sonntag der Europäer?! — Aber sie hörte seiner Stimme zu, wie man die Wellen rauschen hört, wenn man todmüde ist. Bis seine Frage: „Warum hist du so weit gelaufen? Wo gehörst du hin?“ sie aufschreckte. „Ich gehöre nirgends hin!“ antwortete sie leise. Ihr Ausdruck ergriff ihn wider Wil len, er strich leise tröstend über ihre Hand, ohne recht zu wissen, daß er es tat. Und sie — mit dem inneren llellsehen der Unschuld — begriff, daß ein Mensch in Mitgefühl und Güte sich zu ihr neigte. Nicht Geschlecht noch Basse war mehr trennend zwischen ihnen: vertrauende Jugend öffnete ihr Iler.z vertrauender Jugend. Und Djin-Me begann zu reden, ihm alles zu erzählen. Er glaubte ihr, obgleich ihre Geschichte seltsam genug klang. Er hatte bereits einige Jahre in diesem Lande voller Bätsel und Seltsamkeiten zu gebracht und verstehen gelernt, daß andere Impulse den Chinesen in seinen Handlungen leiten, als die unseren es sind; er hatte auch oft genug in seiner Tätigkeit als Attache an der Gesandtschaft nähere Bekanntschaft mit der chinesischen Idee des „Tiu leen“ ge macht, aber er nahm an, daß dies junge Rind sein S.hicksal viel zu schwarz sähe und daß ihre Familie sich wieder ihrer annehmen würde. Er erbot sich, zu ihrem Vater zu gehen oder nach ihm zu senden, aber sie wehrte sich so wildverzweifelt gegen diesen Vor schlag, den sie für unausführbar erklärte, daß er ihr schließlich glauben mußte; auch gelang es ihm nicht, den Namen ihres Vaters zu erfahren. So wollte er der alten Kinder frau Botschaft senden, denn das Mädchen war in der augenblicklichen Hilflosigkeit un fähig, seinen Weg fortzusetzen, selbst nicht zu Wagen; sobald sie versuchte, sich zu er heben, sank siö ohnmächtig zurück; die starke Mittagssonne auf ihren unbedeckten Kopf wirkte wohl noch nach. Mit diesem Vorschlag war sie einverstanden. Sie schrieb auf einen Zettel: „Djin-Me ist in Not, komm noch heute zu Djin-Me!“ und gab das Haus und die Straße an, wo sie jetzt war. Ilagen wollte den Brief selbst mitnehmen und von seiner Wohnung in der Gesandt schaft aus durch einen Diener zu der Frau schicken, der sie dann gleich mitbringen konnte. Aber er zögerte, Djin-Me allein zu lassen, denn er sah sie leidend und hilflos; doch blieb keine andere Wahl, da er ohne Diener und Reitknecht ausgeritten war. Das Mädchen schien sich nicht vor dem Allein bleiben zu fürchten, sie war sehr matt, und die Veranda ganz unter blühenden Ranken mitten in der grünen Wildnis des Gartens schien ihr wie ein liebliches Versteck. Er stellte ein paar Früchte und Getränk vor sie hin, versprach, das Gartentor von außen ab zuschließen, und ritt davon. Trotz der Mittagshilze, die in weißglühen den Dunslwellen sich vom Himmel hcrab- senkte, ritt er so schnell er konnte, erst auf der großen Heerstraße, dann durch die rie- senhreilen, staubigen Karawanenstraßen der westlichen Stadt — häuserlos, nur hohe Mau ern rechts und links — hinter denen Paläste und Gehöfte geduckt schlummerten; dann langsamer durch die buntbewegten Geschäfts straßen und endlich durch die Tore ins be festigte Gcsandtschaftsviertel und in den Garten der deutschen Gesandtschaft, wo sein kleines hübsches Haus im Grünen lag. Er