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hat ihr Vater, der ihr stiller Wohltäter und guter Berater ist, sich nicht verraten. Zuletzt geht es ihr endlich auf, daß er, ihr an spruchslosester Freund, jener andere ist, den sie eben verurteilt hat, und während der Vorhang fällt, wirft sie sich, in Rührung aufgelöst, in seine Arme. Ich wußte damals nicht, wer Sarah war, hatte nie von ihr gehört, schrieb aber am selben Abend in meinem Notizbuch: ,,Ich sah im Odeon ein junges Mädchen, das ebensogut oder besser spielt als die Schauspielerinnen des Theatre Frangais.“ Sie spielte diese Rolle mit einer tiefen Schamhaftigkeit, die ich spä ter bei ihr nicht mehr beobachtet habe, ohne jegliche Virtuosität, mit der Schwermut der vermeintlich Elternlosen, endlich mit der Be geisterung des jungen unberührten Mädchens für das strenge Recht, und doch so, daß man durch all das Kühle, durch die Un sicherheit des seelenvollen Ausdrucks und be sonders durch den schönen und reichen Klang der Stimme lange zurückgehaltene Zärtlichkeit und Sanftmut ahnte. Kaum hat sie in späteren Jahren je nur einen so tiefen und zarten Ausdruck echter Poesie gemacht. Nichts ersetzt die erste Frische aufblühender Jugend. Wohl neun Jahre später sah ich Sarah Bernhardt in ihrem vollen Glanze, von Ruhm umstrahlt im Theätre Fran^ais. Zwei Vor stellungen stehen mir noch leb haft vor Augen. Dona Sol in Ilernani gab nicht Anlaß da zu, viel mehr auszudrücken als die junge, berückende Schön heit, aber die Stimme hatte ihren Goldklang gewonnen, und ihre Rede war bezaubernder Gesang geworden. Was mir in der Erinnerung geblieben ist, das ist ihre launige und kokette Ausführung der Ilauptszene im letzten Akt. Ilernani ficht sie an, sich mit ihm in das Schlaf zimmer zurückzuziehen. Errö tend antwortet sie: Sogleich! (Tout ä l’heure!) und bleibt. Er macht nach einiger Zeit noch einen Versuch. Sie gibt dieselbe Antwort und verzögert Der berühmte seelenvolle Atigenaufschlag der Sarah Bernhardt mit den künst lichen Tränen die Umarmung, bis das Horn des eifer süchtigen Alten sich hören läßt, Hernani seinem Versprechen nach sterben muß und sie entschlossen mit ihm stirbt. Gewiß, sie hat dies vollendet gespielt, aber was mich störte, war, daß sie in diesem Sturm der Leidenschaft nie vergaß, dafür zu sorgen, daß ihr Brautkleid in schönen Falten die Füße deckte, so daß sie mehr mals die Falten ordnete, einen Blick für diese Äußerlichkeit behielt. Sie war auf ein mal in der Rolle und außerhalb der Rolle, mehr Künstlerin als Mensch. Größer war sie in dem nicht sehr natür lichen Stück von Dumas fils L’E trangere. Hier war sie völlig zu Hause, verschmolz vollständig mit der Rolle, die sie kleidete, wie wenig Rollen sie gekleidet haben. Es lag ihr, die Geschmähte zu spielen, die allen korrekten Frauen überlegen ist, und die im Grunde ganz und gar nichts sich vorzuwerfen hat. Sie ist hier lauter Stolz und Edelmut; sie befreit ihre Rivalin von deren gemeinem Ehemann, indem sie ihren von Amerika verschriebenen Gatten mit zwei Worten auf fordert, ihn im Duell zu töten, was er in zwei Minuten tut. Sie hat in dieser Rolle Gelegenheit, ihrer Geringschätzung der ge wöhnlichen Männerwelt Luft zu machen und ihre nicht geringere Verachtung der ordi nären weiblichen Vorurteile an den Tag zu legen, sich selbst als ein völlig eigenartiges Wesen darzustel len, das mit keinem gebräuch lichen Maßstab gemessen wer den kann. Sie war halbwegs Schwan, halbwegs Adler. Sogar Croi- zette, die schöne, ihr vorge zogene, von ihr beschützte Rivalin, wurde in Vergleich mit ihr eine gute Gans. In Kopenhagen spielte sie um das Jahr 1880 als Virtuo sin verschiedene liebenswür dige Rollen, von Scribe zwei, V a 1 e r i e, wo eine Blinde das Augenlicht zurückerhält, und Adrienne Lecouvreur, die von der Bühne gegen die Herzogin von Bouillon Repliken 22