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„Kr kommt sofort her!“ Darauf mußte a tempo der Graf ein- treten . . . aber er kam nicht. Später erfuhr ich, daß er in diesem Augenblick von seiner Frau windelweich geprügelt wurde — sie hatte ihn in fla granti mit der Friseurin erwischt. „Er wird gleich kommen ... Mutter, regen Sie sich nicht auf ...“ sagte ich ruhig und ließ mich im Klubsessel nieder... Wir warteten, Minuten verrannen, aber der Graf kam nicht . . . „Mutter, Sie sind so aufgeregt... Ich werde Ihnen ein Glas Wasser bringen!“ Ich sprang auf, lief hinter die Ku lissen und rief wütend: „Hol’s der Teufel... Wo ist der Graf!“ „Um Gottes willen sagen Sie was“ — rief der Regisseur — „er wird gerade von seiner Frau geprügelt...“ Ich zuckte die Achseln und lief auf die Bühne zurück. „Mutter,“ sprach ich, „ich muß Ihnen was Furclitbares mitteilen... Seien Sie auf alles gefaßt ... Ich habe soeben eine furchtbare Neuigkeit erfahren: Das Auto des Grafen ist mit der Straßenbahn zu sammengestoßen, der Graf wurde mit zerbrochenem Schädel und zerschmet terten Füßen nach Hause gebracht. Er liegt in den letzten Zügen . . . Fassen Sie sich...“ In diesem Moment erschien der Graf auf der Bühne. „Sie haben nach mir geschickt, Anna Nikonorowna?“ fragte der Graf. Die Schauspielerin schaute den Grafen wie geistesabwesend an. „Herr Graf, Sie leben?“ sagte ich. „Dann ist das Gerücht also nicht wahr?“ Er schaute mich wie irrsinnig an, packte mich am Arm und sagte: „Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich muß Ihrem Sohne ein paar Worte sagen!“ Als wir hinter den Kulissen waren, sprach er voll Wut: „Sie Trottel, was reden Sie für einen Unsinn zusammen ... Sie extemporieren und bringen mich aus der Fassung!“ „Treten Sie zur rechten Zeit auf, küssen Sie im richtigen Moment die Friseurin und lassen Sie sich nicht von Ihrer Frau er wischen, Sie Casanova . . . Ich habe Sie schon begraben. Weshalb haben Sie nicht Ihren Kopf verbunden? Weshalb sind Sie nicht mit Prothesen erschienen ...“ „Ihr Auftritt, meine Herren!“ rief der Regisseur .. . * Im vierten Akt mußte die Heldin sich vor meinen Augen erschießen. Sie griff hastig in die Lade des Schreibtisches und fand keinen Revolver .. . Sie ließ vor Schreck den Kopf auf den Schreibtisch sinken und jammerte leise vor sich hin: „Es ist kein Revolver da. Was soll ich machen?“ „Es wird Sie ein Herzschlag treffen!“ rief ich ihr leise zu... „Ich werde Ihnen gleich was Furchtbares mitteilen...“ Ich ging zur Seite, packte mich am Kopf und sagte mit tränenumflorter Stimme: „Lyda, fassen Sie Mut... Ich habe lange geschwankt... aber jetzt muß ich es sagen: Die Bauern haben Ihr Gut nieder- gebrannt, Ihre Mutter, Ihre Brüder sind erschlagen worden „Ach!“ rief Lyda und stürzte zu Boden. Wir hatten einen Riesenerfolg. Der Vorhang ging zwanzigmal in die Höhe . . . Die liebe Frechheit hatte uns und dem Dichter den Erfolg gebracht. (Autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von Maurice Hirschmann.) 3er „Uhu“, das neue Ullstein-Magazin, erscheint monatlich einmal. Zu beziehen durch jede Postanstalt, la t Postzeitungsliste; ferner durch jede Buchhandlung und durch jede Ullstein - Filiale. — Anzeigenpreise n »cn rarif. — Herausgeber: Peter Pfeffer. — Verantwortlicher Redakteur: Walter Zadek, Berlin. rur die - eigen: Günther Leue, Berlin-Wilmersdorf. — In Oesterreich für die Herausgabe und Redaktion verantwort- Icb: Ludwig Klinenberger, Wien. — Unverlangte Einsendungen können nur zurückgesandt werden, wen Porto beiliegt. — Verlag und Druck: Ullstein, Berlin SW, Kochstraüe 22 26.