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DER SPRUNG INS DUNKLE Fortsetzung von Seite 78 „Ein volles Quart davon, Harris!“ sagte der andere gelassen und hielt ihm die Hand hin. Langsam und widerwillig schlug er ein. „Das ist der schlechteste Spaß, der je in Goldfield ausgeheckt ist, du Hund!“ knurrte er traurig und beschämt. Schwankend, aber mit verbissener Energie setzte sich Harris Taylor in Bewegung. Die anderen folgten schweigend und in merk licher Verlegenheit. Nur der bärtige Partner flüsterte dann und wann seinen aufstacheln den Spruch vom Quart Whisky. Vor dem kleinen, hölzernen Schulgebäude machte Harris Taylor halt. Das Gefolge ver steckte sich ringsum in der Dunkelheit. Durch den Laden von Miß Lycetts Wohnzimmer fenster drang noch Licht. Taylor zögerte lange. Endlich gab er sich einen Ruck und klopfte hart an. Es dauerte ein kleines Weilchen. Dann öffnete sich die Haustür. Ein breiter, heller Schein fiel heraus und beleuchtete Taylors Gesicht und Gestalt. In dem Rahmen stand Emily Lycett. Zierlich hob sich ihr Umriß ab, und das Licht flimmerte von hinten her durch die Spitzen ihres rabenschwarzen Haa res und wob etwas wie einen goldenen Heiligenschein um ihr junges Haupt. „Guten Abend, Miß Lycett“, murmelte laylor betreten. „Störe wohl?“ „Guten Abend, Mr. Taylor.“ Sie sah schär fer zu und stutzte. „Ist etwas geschehen? — Sie sehen so — —“ Sie brach ab. „Geschehen? — Nein, geschehen ist eigent lich nichts , antwortete er unsicher. „Wollen Sie nicht einen Augenblick ein- treten?“ fragte sie besorgt. „Danke, Miß Lycett. Lohnt sich nicht. Ist nur eine Kleinigkeit. Ein Kinderspiel für einen Mann wie “ Ihm fiel nichts weiter ein als die Worte seines Aufpeitschers. Dazu lachte er albern, um sein Unbehagen zu verbergen. Emily Lycett wartete geduldig. Sie kannte die seltsame Art dieser großen Kinder. ^ „Ich wollte nämlich — —“ er räusperte sich. „Ich wollte nämlich nur eben fragen, ob Sie mich nicht heiraten möchten, Miß Lycett. Gott sei Dank, das war ge schafft. 0 Emily Lycett runzelte einen Augenblick die Stirn. Dann huschte der Schatten eines Lächelns um ihren Mund. Aber auch der verschwand, wie er gekommen war. Ein tiefer Ernst trat auf ihr Gesicht. Ihr Blick bohrte sich so schmerzhaft eindringlich in Taylors Augen, daß er ihn fast nicht ertragen konnte und meinte, zwei Diamanten glitzern zu sehen, obgleich ihr Antlitz im Dunkeln war. Es dauerte lange, ehe sie sprach. „Harris Taylor, wissen Sie, was Sie gesagt haben?“ fragte Emily Lycett hart. Taylor schlug die Augen nieder und stot terte kleinlaut: „Das schon, Miß Lvcett aber “ J ’ Da trat sie einen Schritt vor und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Harris Taylor, hören Sie, was ich spreche?“ Er nickte mit gerunzelter Stirn. „Verstehen Sie meine Worte?“ Er ließ den Kopf sinken und nickte. „Gut, Harris Taylor“, sagte sie laut, lang sam und entschlossen: „Hören Sie: ich danke Ihnen für Ihren Antrag und willige hiermit ein, Ihre Frau zu werden.“ Ungläubig hob Taylor das Gesicht. Zwei felnd sah er sie an. Dann schnitt er eine Grimasse, wie wenn er einen verrückten Ti aum abschütteln wollte. Endlich rieb er sich mit dem Handrücken die Augen klar. Aber das Bild des feierlich ernsten Mädchens vor ihm wich nicht. „Verzeihen Sie, Miß Lycett, aber — aber ich bin nämlich höllisch betrunken“, brachte er endlich heraus. „Das sehe ich, Harris Taylor“, antwortete sie ruhig. „Aber ich habe Sie auch schon nüchtern gesehen.“ „Selten, Miß Lycett, selten“, entgegnete er eifrig. „Immerhin.“ „Immerhin?“ fiel er ärgerlich ein. „Zum Teufel auch, Sie wissen doch so gut wie ich selbst, daß ich der ärgste Säufer bin in ganz Goldfield.“ „Ich weiß, daß Sie der arbeitsamste Mann von Goldfield sind, wenn Sie nicht getrunken haben.“ 108