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DA S GEHEIMNIS von BENIN Fortsetzung von Seite i3 geleistet hätte, und die, die dazu zu arm waren, hatten wenigstens Tiere geopfert. Die Reste von ihnen lagen in Haufen vor dem Hause und verwandelten die Stadt in ein Peslhaus. Und dann erst die Leichenschächte. Aus einem von ihnen wurde ein Jakri-Junge mit Stricken herausgezogen, der erzählte, daß er fünf Tage unter den Leichen gelegen habe. Aber es schien ganz unglaublich, daß er es solange ausgehalten hatte. Ein oder zwei Tage in solcher Lage hätten selbst einen Neger töten müssen. Alles war voll Blut. Die Bronzen, das Elfenbein, selbst die Mauern waren mit Blut bedeckt und erzählten so die Geschichte der schrecklichen Stadt klarer, als es je durch Worte geschehen könnte. Durch Jahrhun derte hatten hier der Irrsinn und das Ver brechen gewütet. Nicht die Grausamkeit eines einzelnen Königs, nicht eine einzelne blutige Regierung, sondern die Religion des Volkes, wenn man das Wort Religion hier gebrauchen darf, war dafür verantwortlich. Das Juju-System der Menschenopfer herrschte in einem Umkreis von Hunderten von Kilo metern, und es war wahrscheinlich, daß es in der früheren Blütezeit der Stadt noch viel grausamer geherrscht hatte. Auch in den benachbarten Negerstaaten pflegten Häuptlinge einen Sklaven zu töten, wenn sie ihrem Vater oder sonst einer verehrten Person eine Botschaft ins Schattenreich sen den wollten. Auch die Frauen und Sklaven eines vornehmen Mannes wurden an seinem Grabe getötet, um ihm den Aufenthalt im Jenseits zu verschönern. In Benin aber hat ten die Greuel des Menschenopfers, zum Teil aus bloßer Mordlust und um die Nach barstaaten einzuschüchtern, ganz besonders entsetzliche Formen angenommen. Im Innersten erschüttert, gab der Kom mandant der englischen Strafexpedition den Befehl, die Stadt niederzubrennen. Nie wurde ein Kommando freudiger erfüllt. Eine Stunde später flammte es an einem Dutzend Stellen zu gleicher Zeit auf, und ehe die Sonne sank, war Benin ein wüster Haufen von Schutt und Asche. Ein unvorstellbarer Tiefstand von Kultur, Gesittung und Empfinden hatte sich den schaudernden Europäern enthüllt, die sich entsetzt von diesem Pfuhl des Mor des und des Schreckens abgewandt hätten, wenn nicht die ganz seltsamen, ganz uner klärlichen Funde, die in der eroberten Ne gerstadt gemacht wurden, die Blicke der An thropologen und Kunstliebhaber immer wie der auf das dunkle barbarische Land hinge zogen hätten. In der eroberten Stadt wurden in ver deckten Schächten und scheunenartigen Ge bäuden Bronzeplatten, Elfenbeinschnitzereien und Korallenarbeiten gefunden, von denen ein kleiner Teil einige Monate später in Lon don versteigert wurde, wo Felix von Luschan als einer der ersten ihren großen Kunstwert erkannte und den Hauptteil der Funde für sein Museum erwarb. Das Rätsel von Benin — es sind Alter tümer, große Bronzegußstücke mannigfaltig ster Art, die beweisen, daß das wilde Neger volk nicht nur über eine auch von der europäischen Technik kaum überbotene Fertigkeit in der Kunst, Metalle zu legieren und zu gießen, verfügte, sondern daß es in Benin auch ganz große bildende Künstler gab, die durch eine barocke Verschmelzung von Malerischem, Plastischem und Architekto nischem eine hohe Stufe sehr eigentüm licher, aber auch sehr fesselnder bildne rischer Darstellung erreichten. Benvenuto Cellini hätte die Bronzen nicht besser gießen können und niemand weder vor ihm noch nach ihm bis auf den heutigen Tag. Die Ne ger von Benin haben das schwierige Verfah ren des Gusses „nach der verlorenen Form“ virtuos beherrscht. Sie verstanden es, einen Kern aus Ton zu formen, um diesen herum eine dünne Wachsschicht des Modells zu legen, dann die äußere Umhüllung aus einer fein körnigen geschlemmten Masse zu bilden, die nach dem Erstarren die völlig nahtlose Ilohl- form bildete. In diese Form gossen sie das flüssige Metall, das nach dem Zerschlagen der Hülle in der gewollten Gestalt zutage trat. So schufen die barbarischen Neger wunderbare Rundfiguren von Hähnen, Leo parden und Schlangen, die in riesigen acht bis zehn Meter langen Exemplaren auf den steilen Dächern der Tortürme der Residenz 99