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kreise, nämlich dem der Maschine und der Technik, aufzuzwingen. Der Mensch schafft sich beständig mehr und immer voll kommeneres Werkzeug, und je stärker der Gebrauchsvorgang dabei sinnfällig seinen Ausdruck findet, um so besser wird es sein. Nun haben aber die uralten Formen des Men schenlebens, wie sie in den häuslichen Vor gängen zum Ausdruck kommen, recht wenig Berührungspunkte mit dem, was bei der Technik geschieht, und Industrieformen oder gar Maschinen als Stimmgabel dafür herbei zuholen, ist weder besonders geistreich noch instinktiv richtig gefühlt. Essen, Trinken, Schlafen, gesellig Empfangen und wohlig Zu sammensitzen sind äußerst konservative Dinge, und wenn auch bei ihnen Nation, Rasse, Kullurkreis und Entwicklungsstufe eine gewichtige Rolle spielen, so zeigen sie doch eine weit größere Stetigkeit, was sofort klar wird, wenn man sie mit der Entwicklung vergleicht, die etwa unser Verkehrswesen oder andere technische Sonderentwicklungen dar bieten. Beispielsweise wird zwischen dem Vorgang beim Speisen der Menschen einer gleichen gesellschaftlichen Schicht von 1825 und 192h kein umwälzender Unterschied sein, wohl aber in der Methode, wie er von Leipzig nach Berlin fährt. Oder die Art, wie eine Dame von Welt in jener Zeit in ihrem Salon empfing, wird von dem gleichen Vorgang von heute zwar durch allerlei Ab tönungen, aber nicht durch eine Welt ge trennt sein. Ja, es besteht sogar eine allgemeine Nei gung, das häusliche Leben in einen bewuß ten Gegensatz zu der Unruhe des öffent lichen Lebens und der Umwelt zu bringen, in die Beruf und Gewohnheit so viele Men schen tagsüber zwingt. Der Industrielle emp findet es als eine Wohltat, wenn ihn abends nichts mehr an seine Fabrik erinnert, und sogar der Wissenschaftler, auch wenn er in der Technik nicht, nur einen Broterwerb, sondern ein heiß umworbenes Mysterium sieht, wird deutlich eine Grenze zwischen seinem Laboratorium und seinem Wohn zimmer zu wahren wünschen. Selbst da, wo die Technik mit unserem häuslichen Leben in nahe Beziehung tritt, also in den Einrichtungen der Heizung, Ver sorgung mit Wasser und elektrischer Energie, Telephon und dergleichen, wird überall das deutliche Bestreben fühlbar, diese Dinge mög lichst unsichtbar zu machen. Man will bedient sein, aber der Diener soll uns nicht mit seiner Gegenwart unbequem werden. V. Es ist eine dem Deutschen ganz besonders anhaftende Eigenschaft, sich von fremd artigen Eindrücken derartig beeinflussen zu lassen, daß er nicht nur verstehend tief in andere Kulturen einzudringen vermag, son dern sich auch zu Versuchen hinreißen läßt, in solchem fremden Geiste gestalten zu wollen. Zweifellos hat diese Neigung bei uns schon stark mitgesprochen, als das Erbe der antiken Kulturwelt in der Renaissance so um fassend aufgenommen wurde. Nur darf man dabei nicht übersehen, daß es sich bei ihr um eine aus stark verwandtem Blute handelt. Wenn man es nun schon etwas hart, aber nicht ganz mit Unrecht als Theater be zeichnet, wenn sich jemand unter unserem nordischen Himmel einen italienischen Palast baut, wobei sich in der Tat allerlei klima tische Widersprüche ergeben, — welches Theater ist es dann erst, wenn man dem Deut schen heute Häuser empfiehlt, die ihr Vor bild ganz deutlich in der ostasiatischen, in dianischen oder gar der Negerkunst sehen? VI. Neben dieser, oft recht seltsame Blüten treibenden Wahlverwandtschaft besteht in weit höherem Grade, als man gewöhnlich an nimmt, im deutschen Volkskörper auch echte Blutsverwandtschaft mit gänzlich Fremdem. Da dieser deutsche Volkskörper eine All vermischung darstellt, in dem auch mongo- lides, negrides und manches andere Blut eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt, so darf es nicht wundernehmen, wenn auch die künstlerischen Instinkte oft recht weit ausein- andergehen. Denn sie sind nicht so eine An gelegenheit der Erziehung als der Vererbung. So werden manche Persönlichkeiten darin auf tauchen, die, ohne es notwendigerweise zu wis sen, sich ihrem Bluterbe nach nicht zu unserem nordischen Formenkreise hingezogen fühlen, sondern denen ihr Blut befiehlt, davon los- zukoimnen. Fortsetzung auf Seite io3 40