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entschieden sei. Die Grenze der Schutzwirkung einer Gasmaske ist wohl dadurch gegeben, daß der Mensch, der sich ihres Schutzes bedient, unter allen Umständen, um den Lebensprozeß auf rechtzuerhalten, eine bestimmte Sauer stoffmenge minütlich einatmen muß. Es erscheint aber nach dem heutigen Stande der Dinge unmöglich, diese Bedingungen bei allen Gasen durch die schützende Maske hindurch zu erfüllen. Wegen der Mannigfaltigkeit der Zusammensetzung der Gase müßten die Masken fast einen universellen Schutz gegen Gase dar bieten, und dies ist chemisch nicht mehr möglich. Mit diesem neuen Zerstörungsmittel geht praktisch Hand in Hand eine er schwerte Unterscheidung zwischen den am Kriege Beteiligten und den Nicht beteiligten im Hinterlande. Auch in der Schlacht ist durch das Gas als Kampf mittel die Unterscheidung zwischen den noch Kämpfenden und den Verwundeten in Fortfall gekommen. Die Gastechnik ist schon während des Krieges auf die Flugzeuge über gegangen. Heute liest man von einer wohltätigen Einrichtung, die es den Flugzeugen gestattet, gewisse Baum parasiten in den Wäldern durch syste matische Flüge unter Ausblasen eines geeigneten Gases auf viele Quadratkilo meter Flächen in relativ kurzer Zeit zu vernichten. Das Ausblasen der Gase durch Flugzeuge wird sich natürlich nicht nur auf das Schlachtfeld beschrän ken, sondern auch auf das gesamte Hin terland erstrecken. Unter der Devise der Zerstörung von Kriegsmittelfabri ken, die ja natürlich durch die Gegeben heiten dieser Technik trotz allen guten Willens hierauf nicht beschränkt werden kann, ist damit die Gasvergiftung der Hauptlebenszentren eines Landes, näm lich seiner Großstädte, unvermeidlich. Irgendwelche Mittel gegen die Vergiftung von oben, die unter allen Umständen wirksam sein müßten, gibt es natürlich nicht. Heimische Flie 1 2 ger-Organisationen, mit den modernsten Mitteln der Technik ausgerüstet, werden durch systematische Aufklärungs-Kund- flüge die Luft über den gefährdeten Städten rein zu halten suchen. Ob dies aber in vollem Maße, namentlich wäh rend der Nachtzeit, gelingen kann, muß stark angezweifelt werden. Die während des letzten Krieges hin und wieder erfolgten Angriffe mit bak teriellen Mitteln gegen die Gesundheit und das Leben irgendwelcher feindlichen Menschen spielen, selbst wenn sie für spätere Kriege benutzt werden sollten, gegenüber der ungeheueren Beweglich keit und Gleichmäßigkeit und der un mittelbaren Wirkung des Gases eine ganz untergeordnete Rolle. Man hat in früherer Zeit geglaubt, daß es möglich sein würde, durch Gesetze, ja womöglich durch internationale Bestim mungen festzulegen, welche Mittel im Kriege zulässig sein sollen und welche nicht. Man hat auch feine Unterschei dungen aufgestellt zwischen den Klas sen, die als kriegführend und die als nicht am Kriege beteiligt zu betrachten seien. Wir alle aber haben erlebt, daß diese Gesetze unter den Wirkungen der verschiedenen neuen Kriegstechniken plötzlich weggeblasen waren, weil eben die Kriegführenden ein besonders wirk sames, neues technisches Mittel unter allen Umständen in Anwendung bringen wollen, und weil dann mit diesem Mittel die Nebenwirkung verbunden ist, daß Unterschiede zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen und Material nicht gemacht werden können. * Wenn man also nach dem Stande der Technik den Satz aussprechen muß: ,,Die Technik mordet den Krieg“, und wenn uns dies als eine unumstößliche Hoffnung auf Frieden erscheint, so muß doch hinzugesetzt werden, daß das nur dann gültig ist als Schutz gegen ent stehende Kriege, wenn das Wissen hier von sowohl der Allgemeinheit als auch ganz besonders denjenigen zugänglich ist, welche für einen Krieg verantwortlich