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Gesellschaft ansehen, die Oberhand ge winnt. Man findet doch in fast allen Kulturländern die Schulen jener älteren, erfahrungsfeindlichen Richtung ver treten! Die empirische Richtung ist ja bisher nur in einem einzigen Kulturlande der Welt zur leitenden Richtlinie er hoben worden: im heutigen Sowjet- Rußland. Es wird für unsere Enkel eines der interessantesten Erlebnisse sein, festzu stellen, zu welchen Konsequenzen des Denkens und Handelns eine Volks gemeinschaft kommt, wenn Erziehung und Schule der Jugend einzig und allein die Ergebnisse der empirischen Wissen schaft als Leitgedanken einprägen. * Vom Standpunkt des Krieg-Wollens oder -Nichtwollens der Menschen müssen wir daher mit der Kriegsmöglichkeit heute noch genau so wie vor dem Welt kriege rechnen. Für diejenigen, die den modernen Krieg zwischen Kulturstaaten für ein unermeßliches Unglück halten, wird es eine freudige Hoff nung bedeuten, daß außerhalb des menschlichen Denkens und Wollens noch Umstände vor handen sind, die den Krieg unmög lich machen werden, derart, daß endlich der Krieg selber dem Kriege ein Ende bereiten wird. Dies resultiert aus den un geheuren Fortschritten, die die exakte Naturwissenschaft und die Technik — besonders in den zwei letzten Dezen nien — gemacht haben. Die Technik an sich ist ja weiter nichts als ein Werk zeug in der Hand des Menschen, welches in beliebiger Weise, also auch hier für oder gegen den Krieg, benutzt werden kann. Wir haben alle den Wettlauf zwischen der Granate, der Steigerung ihrer Durchschlagskraft und Spreng wirkung einerseits und dem immer bes seren Panzerschutz, der ihre Wirkung abhalten soll, andererseits erlebt. In diesem Falle hat eine Verbesserung auf der einen Seite immer eine solche auf der anderen zur Folge gehabt; eine Wechselwirkung wie Gift und Gegengift. Die Technik ermöglicht aber jetzt auf bestimmten Ge bieten Wirkungen, die nicht durch Gegenwirkungen aus geglichen werden können, und diese Wirkungen stehen nicht nur ein zelnen zur Verfügung, sondern werden dank der heutigen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Gemeinschaft im ganzen internationalen Kulturleben durch Druckschriften und sonstige Ver öffentlichungen Uber kurz oder lang Ge meingut aller wissenschaftlich-technisch Unterrichteten. Unser ganzes modernes Leben steht ja überhaupt unter dem Zeichen einer stetig größer werdenden Oeffentlichkeit. Das geht so weit, daß es immer schwerer wird, innerhalb irgendeiner Gesellschaftsschicht oder -klasse ein Geheimnis irgendwelcher Art längere Zeit zu bewahren. Neben der ungeheuer anwachsenden Büchermenge ist vor allem das Zeitungswesen mit sei nem spezialisierten Nachrichtendienst, wie auch die drahtlose Uebertragung, namentlich in Form des Rundfunks, d.h. der Uebertragungen an Alle, von aus schlaggebender Bedeutung geworden. Außerdem ist der Satz von Professor Wilhelm Ostwald durchaus richtig, wo nach heute jede Erfindung zur Lös u ngeiner bestimm tenAuf- gabe gewissermaßen auf Be stellung gearbeitet werden kann und bei Anwendung genügender Geldmittel in absehbarer Zeit auch ge macht wird. Hierfür ist eine Organi sation von gut zusammenarbeitenden tüchtigen Spezialisten in geeigneten Laboratorien nötig. Wir wollen nun versuchen, im folgen den nachzuweisen, daß es jetzt einige für den Krieg unbedingt notwendige Mittel gibt, die durch die heutige Entwicklungs linie der Technik dem Kriege selbst über kurz oder lang ein Ende machen müssen. Zunächst sind für den Krieg von außerordentlicher Wichtigkeit die ver- 8