Volltext Seite (XML)
Das boot..™ Von ALFRED HEURICE A m 3 o. Mai sind es 20 Jahre ge wesen, da kam auf den hochgehen den Fluten der wildreißenden Isar ein winzig kleines Boot die 5 o km lange Strecke von Bad Tölz nach München herab geschwommen und landete im Thalkirch ner Floßhafen. Die wetterharten Flößer mit den hohen grünen Hüten und der Holzaxt auf der Schulter schüttelten die Köpfe und rissen die Mäuler weit auf. Und wenn ihnen einer das erzählt hätte, was sie soeben selbst gesehen hatten, wie dieses winzige Dingelchen, dieses Nichts von einem Fahrzeug, einem Pfeile gleich über die brandenden Widerwellen hinweg geschossen war, in welche die wuchtigen Flöße sich tief hineinzubohren pflegten, sie hätten es einfach nicht geglaubt. Und nun fing gar der Ankömmling an, sein Fahrzeug wie einen toten Hasen zu zer legen. Er zog ihm die Haut ab, riß ihm die Rippen aus dem Leibe, und knickte auch noch die zusammen, wie wenn er Kleinholz machen wollte. Als aber nach einigen flinken Griffen von dem ganzen Boot nur noch ein längeres und zwei klei nere Pakete übrigblieben, da konnte sich der Lengrieser Sepp nicht mehr halten. Er stieß einen Juchzer aus, daß die Auen widerhallten, spuckte weit aus und sagte anerkennend: „Deixi, Deixi! Du hast a Schneid!“ Und von allen Flößen kamen sie herbeigelaufen und hörten die Mär und riefen durcheinander: „Mirakel!“ „Gibt’s denn des a?“ „Lass’n mer’n hochleben!“ Und da grad Feierabend war, lud ich sie ein ins „Hinterbrühl“ zu einer Maß auf das gelungene Wagnis. Von diesem Tage an datiert die Er schließung der herrlichen Wildflüsse für den Wassersport. Nun hat sich das Faltboot durch gesetzt, und vier Fünftel aller Wande rungen auf dem Wasser werden heute nur noch im Faltkajak oder, wie ich ihn kurz getauft habe, „Faltjak“ aus geführt. Auch ist er längst über den Bah- men eines Sportfahrzeuges hinausge wachsen. Die Felljäger in Kanada be nützen ihn schon mit bestem Erfolg bei ihrem Erwerb. Er hat begonnen, das ka nadische Kanu zu verdrängen. Und nun nimmt ihn gar Boald Amundsen mit bei seinem Fluge zum Nordpol; in jedem Flugzeug einen Zweisitzer, zu Vorstößen auf dem Eismeer und für den Fall einer Notlandung an ungünstiger Stelle. Schon in den ersten Jahren seines Be stehens hat der Faltkajak zu Forschungs zwecken gedient. Ich selbst habe 1906 damit eine Höhlenforschung im Algäu ausgeführt, wobei es einen unterirdischen See zu erforschen galt. Dabei wurde ich nach zweistündigem Bergsteigen mit mei nem Faltboot einen 96 m tiefen senkrech ten Naturschacht hinabgeseilt und mußte auf einer Felsplatte, bis zu den Knien im Wasser stehend, das Boot im Wasser 30