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DAS OHR DES MÖRDERS Von PAUL FL ATA U ZeiJinungen von Fritz Wo Iff (A us den Eingängen unseres Preisausschreibens) W ir waren unser drei: der liebe, dicke Nehrau, der Vertrauensmann des Direktors, Hüter der Kasse und „Dispo nent“, der zapplige junge Behring, der die Buchhaltung besorgte, und ich, der „junge Mann“. Ein paar Damen und Schreiber er gänzten den Personalbestand dieses Engros geschäftes. Eines schönen Tages bekam der Direktor die Idee, zu bauen. Er wohnte in einem scheußlichen Hause und wollte nun eine schöne Villa haben. Als die Pläne fix und fertig waren, wurden wir drei Stützen der Firma zu ihm auf sein Zimmer gebeten. Vielleicht könnten wir noch irgendeinen Ver besserungsvorschlag machen. Wir fühlten uns geschmeichelt. Am 16. Juni 1921, vormittags kurz nach neun —■ mein Lebtag vergeß ich den Tag nicht —, treten wir also an. Die Pläne sind an der Wand schön aufgehängt, gerade der Tür gegenüber. Links steht der Schreibtisch, neben der Tür ein kleiner Tisch und in der Mitte ein großer. Dann wird uns ein Mann 1 . Nun hat er die H ase dicht vorm Plan, und ldi Schritt hinter ihm. mit einem rötlichen, kurz gehaltenen Voll bart vorgestellt: „Baumeister Filcher“. Der Mensch war mir sofort unsympathisch. Er hatte hohle, eingefallene Backen und einen unangenehmen Blick. Er fängt also einen lan gen Vortrag über seinen Plan an. Ich werde ein unbehagliches Gefühl nicht los. Die ganze Zeit sehe ich mir diesen Mann an. Er spricht immerzu, vom Erdgeschoß, von den Mauern usw. Ich denke: den kennst du doch irgend woher, den hast du doch schon gesehen I Aber ich komme nicht drauf. Ich sehe den Baumeister unablässig an, so daß er schon stutzig wird. Ich stell’ mir das Gesicht vor — ohne den Bart —•, wenn es voller wäre. Herrgott, mir klopfte das Herz im Hals, wie mir plötzlich die Erleuchtung kommt: Raubmörder Fiedler! Ich war vor dem Kriege kurze Zeit als Volontär in Süddeutschland gewesen. Da war ich mal aus Neugierde zwei Tage zu einem Mordprozeß gegen einen gewissen Fiedler ge gangen. Ich saß damals hinter dem Ange klagten und sah meistens nur sei nen Rücken. Und dieser Mann hier sah genau aus wie der Mörder Fied ler, der damals zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist. Während der „Baumeister“ im mer weiter redet, trete ich zurück, um ihn besser zu beobachten. Aber ehe ich’s ausführen kann, tritt er einen Schritt zurück: „Bitte blei ben Sie doch hier stehen“, sagte er. Aha, denke ich, dich kriegen wir schon. Ich Versuchs noch mal. Er tritt wieder zurück. „Bitte bleiben Sie doch dort“, meint er, r „es macht mich nervös, wenn jemand hinter mir steht.“ mit einem 6 27