Volltext Seite (XML)
Badebekanntsckaft en Vo n si i n g ie sind die nichtvoraussehbaren, unbe- grenzten Möglichkeiten unseres Lebens. Die Leute zu Hause kennen wir; nicht alle — aber von dem Rest wissen wir ziemlich genau, daß wir ihn nie kennen lernen werden. Wenigstens nicht näher. Wir machen bei Freunden die Bekannt schaft scharmanter Leute. Laden wir sie wegen ihrer Nettigkeit schleunigst ein? Nein, wir haben Wichtigeres zu tun. Wir haben soviel weniger Nette, mit denen wir verkehren müssen, den Luxus der Netten kann man sich nicht immer leisten. Man sieht sich also mal, nickt sich freundlich zu — aus. Übrigens ist es auch hübsch, mit netten Leuten fremd zu sein. Wir haben eine Scheu davor, die lose gesell schaftliche Bindung mit Gefühls- oder gar Schicksalswerten zu belasten. Käme man sich näher, blieb das nicht aus. Also bleibt es bei einem Symjjathisieren aus der Feme. Und gerade in diesem Punkte unter scheidet sich die Badebekanntschaft von der Begegnung im befreundeten Salon. Der Badebekanntschaft können wir alles aufpacken. Sie verlangt cs sogar von uns, daß wir uns vor sie hinstellen und im Stile der älteren Operette von uns singen. Eventuell sogar: „Ich bin Laus der Gute!" Y\ ir können diesen Leuten sagen, wer wir sind, wir sagen ihnen unsere Freuden und unsere Leiden. Wir können diesen Men schen gegenüber auf unsere intimsten Freunde schimpfen, ohne daß das an den Freundschaften was ändert; das ist der wesentlichste Wert der Badebekanntschaft. Sie nützen nichts, und sie schaden nichts — sie sind zumeist schicksalslos. Noch etwas Wichtiges: In vier Wochen ist man mit einer Badebekanntschaft län ger, ausgiebiger, andauernder zusammen als mit den nächsten Freunden im Zeit lauf von Jahren. Mit den Freunden kann man eigentlich kaum in die Sommer frische reisen. Freundschaft ist ja ge meinsames Schicksal. Die Männer haben zusammen studiert, oder sie sind Kolle gen, oder die Frauen waren in der Pension zusammen. Wesentliches wurde gemein sam erlebt. Man weiß von einander, man braucht sich gar nichts mehr zu sagen. Ich habe einen Freund seit fünfund zwanzig Jahren. Wenn wir mit den Frauen zusammen sind, geht es einigermaßen, dann gibt es einige Meinungsverschieden heiten. Aber alle paar Jahr macht es der Zufall, daß wir Männer zusammen ein Glas Bier trinken. Das ist grauenhaft. Wir sind dauernd derselben Ansicht, des halb sind wir ja befreundet. Wir lang weilen uns tödlich — und das uns Tren nende verschweigen wir einander sowieso. Zusammen reisen? Unmöglich. Dann gibt es noch ein Mittelding: Wir treffen auf der Beise „Bekannte", also