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HOTEL ZUR HIMMELSHÖHE N o v e l l e von H e n n i n g Berger I. D ie ersten Worte, die an meine schmerzenden Ohren drangen, als der elende Karren mit einem letzten Krachen und unter durchdringendem Aufkreischen des Strandkieses endlich anhielt, waren: „Kein Platz! Fahr weiter!“ Im gleichen Augenblick verschwand der letzte Septembermond hinter einer apfel gelben Wolke. Ich konnte nur undeutlich eine Reihe Anhöhen und einige schwarze Mansardendächer, eine grünweiße Iläuser- llucht und sechs erleuchtete Fenster unter scheiden. Irgendein freundlicher Kettenhund hellte hitzig, und brausend erklang das Meer. „Wo sind wir?“ fragte ich verzweifelt, außerstande, mich zu bewegen. „An der Himmelshöhe, Herr.“ „An der Himmels und was ist das für eine Hölle?“ Nun ließ sich die fremde Stimme hören: „Mer nennt ,Hotel Zur Himmelshöhe“ eine Hölle?“ Ich raffte meine letzten Kräfte zusammen und schrie: „Ich hier oben! Noch einmal, wenn Sie wollen: eine Hölle! Aber ich sage das nur, weil ich nicht hineinkommen kann. Es geht mir ähnlich wie dem Fuchs mit den M 7 ein- trauben.“ Ich glaube nicht, daß man von meinem Redeschwall mehr als das M'ort Hölle ver stand. Aber das mochte genügt haben; denn die abweisende Stimme sagte: „Steigen Sie aus und kommen Sie herein.“ „lahr dann zum Giebelschuppen,“ hörte ich noch. Ich machte wirklich einen Versuch, mich zu erheben, aber ich sank sofort wieder auf den Sitz zurück. Es schien mir, als ob meine Beine gleich über den Knien abge sagt seien und ein paar Schraubenzieher sich mir ins Kreuz bohrten. Es wurde vor meinen Augen schwarz, und im Munde hatte ich einen Blutgeschmack. „Ich bin krank,“ stotterte ich. „Helfe mir doch einer, zum Teufel!“ Ich weiß nicht, ob der Kutscher mich am Ulslerkragen hielt oder der Mann unten mich mit der Faust an der Brust packte, als ich fiel; jedenfalls glaubte ich einen Augen blick lang, bevor ich das Bewußtsein verlor, durch den Raum zu schweben und mond- beschienene M'ogen gegen ein weißes Etwas heranrollen zu sehen. Dann erkrankte ich heilig, wurde in einer schwankenden Kajüte hin- und hergeworfen, erhielt einen Schlag vor die Stirn und war weg. II. Ich erwachte in einem Zimmer, das ich erst für eine Zelle hielt. Ich habe noch nie eine Zelle gesehen, aber ich habe mir oft dieses Fremdenzimmer eines Gefängnisses vorgestellt. Länglich, schmal, hoch oben ein Gitterfenster, eine Tür mit Guckloch, Stein fußboden und eine Pritsche. Zuweilen habe ich im Traum auch eine M^sscrkanne, ein Kruzifix, eine Bibel und eine Roßhaar- peilsche gesehen. Aber das sind vermutlich Reminiszenzen aus einer Klosterbeschreibung. Nun gut, ich erwachte und schlug die Augen auf. Ich lag auf einem sogenannten Tourislen- bell, ein Licht brannte in einem alten soliden Messingleuchler (an dessen heutigen 89