verloren? Die ganze Welt ist mein. Was euch Schranke dünkt, überschaue ich un gehemmt. Ich höre heilige Stimmen, Ströme von erhabenen Klängen, Ozeane überirdischer Harmonien wie kein anderer hienieden.“ Giulietta schreibt: Und wer in so un erhörtem Makrokosmos liebt Euch? ,,Meine unsterbliche Geliebte!“ Giulietta schreibt: Ein Phantom? Beethoven zuckt mit der Schulter und steht, sich hochreckend, auf. Sie reicht ihm einen Yeilchenstrauß, den sie ihm zu geben beim Kommen ver gessen hat. Er, voll Ironie, doch lächelnd: „Gratu lantin? Bravo!“ Sie versteht ihn nicht. Er: „Oder schmückst du den Grabstein unsrer Leidenschaft?“ Giulietta beginnt ekstatisch zu wei nen ... „Je la meprisais!“ hat Beethoven spä ter zu seinem Eckermann geäußert. Es war das einzige Mal in seinem verschlosse nen Dasein, wo er die Scham des Erleb nisses mordete. * Der weitere Nachmittag gehört stiller freudiger Arbeit an der „E-Dur-Sonate“ (Werk 109). Beethoven pflegte sich alle zeit mindestens zwei großen, verschiedenen Tondichtungen hinzugeben. Hin und wie der spielt er sich am verstimmten Instru ment lange Sätze vor. Jeden Ton ver nimmt er klar und deutlich in Gedanken. Längst hat sich der Meister der gewaltigen Veränderung seines Gehörs (so heftig sie ihn zu Anfang erschütterte und ihm die Zyklopenkraft zu brechen drohte) ge lassen unterworfen, voll Vertrauen auf Gottes unwandelbare Güte, denn (auch diese Stelle ist in seinem Homer beson ders gekennzeichnet): die ewige Vorsicht lenkt allwissend das Glück und Unglück der sterblichen Menschen. Oft zwar noch drückt ihn das schwere Los in den Ruhepausen zwischen eifrigem Schaffen. Dann wandert er wie ein ge fangener Löwe im Zimmer umher. Auch heute. Und sein fanatischer Blick trifft die Musikerbildnisse an der Wand: Händel, Bach, Gluck, Mozart, Haydn ... „Weiterleben, weiterkämpfen, Weiter arbeiten!“ ruft er sich beruhigt zu. „Noch bin ich der Welt nicht der einsame Adler hoch über den Gipfeln.“ * Am Abend erfreut ihn der neue köst liche Wein, langsam getrunken beim Lesen im „Westöstlichen Divan“. Punkt zehn legt Beethoven den ver ehrten Goethe weg. Er überdenkt den Tag. „Die heimlichen Gratulanten hätten braver sich nicht benehmen können“, meint er hei sich. „Nur der Tag ist wahrhaft mein, der meinen Ideen, meiner Welt, meiner Arbeit ungestört gehört. Und mit Homer schließe ich die fünfzigste Ge burtstagsfeier: Welch ein Tag war mir dieser! Ihr Götter, wie bin ich so glückl ich!“ 1 98