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geduckt. Die Jungen dachten, es werde gespielt, und schon hing eins, das wie zum Klimmzug an das Maul der Mutter gesprungen war, an den Zähnen fest und baumelte mit zappelnden Hinterpfoten in der Luft. Eine eiserne Tür in der Käfig wand ging auf, der Löwe schoß hinaus, die Tür schlug zu. Sorgfältig hatte die Alte ihr Junges auf den Boden gelegt und es mit zarten Pfoten aus ihrem Maul befreit. Dann aber tat sie einen Sprung ans Gitter, unbändig jagte sie daran auf und ab, als hätte sie durch die Entfernung des Löwen, der im Innern des Hauses gefüttert wurde, der Bosnickel, alle Fassung verloren. Der Wärter erschien, von der Löwin ange heult, die den Kopf zwischen die Gitter stäbe preßte, er steckte ein Stück Fleisch auf die Spitze der Eisenstange und hob es so hoch, daß die aufgerichtete Löwin es gerade noch fassen konnte. Mit einem Ruck riß sie es an sich, ließ es fallen und nahm das zweite Stück in Empfang. Mit dem ersten spielten bereits die Jun gen. Die Alte legte das zweite vor sie hin und ließ sich mit abgewandtem Gesicht auf den Boden nieder. Dort lag sie un beweglich eine Viertelstunde lang. Zwei-, dreimal — nicht öfter — drehte sie lang sam den Kopf und schaute zu den Jungen hin, die ihre Zähne an den blutigen Fetzen versuchten. Als sie wieder einmal herüber sah, hatten die Jungen das Fleisch im Stich gelassen und balgten sich in der Mitte des Käfigs. Da erhob sich die Löwin, sie streckte sich gähnend, sie schritt. Hingestreckt, wo die Jungen geknabbert hatten, hielt sie das Fleisch zwischen den Vorderpfoten und leckte es andächtig. Beim Abendessen sprach Bubi nur von den Tieren. Bei den Papageien verweilte sie nicht lange, aber die Löwin rührte sie so sehr, daß sie sich später, im Salon, auf alle Viere niederließ, um ihre Erzählung anschaulicher zu machen. Von ihrem Mann zurechtgewiesen, drückte sie sich in einen großen Sessel und erzählte aus ihrem Ver steck heraus, daß es im Zoologischen Gar ten auch vier kleine Pinguine gebe, die ihm! auffallend glichen. Sie hätten denselben Gang und dieselbe Haltung. Er gehöre als fünfter in ihren Bund. „Du ärgerst dich, Liebling? Hast du dich denn je geärgert, wenn man dich für einen Franzosen ansah? Nun, meine Pin guine sind vier kleine französische Bour geois mit einem Bäuchlein und einem ,Cut‘ und artig wichtigen Manieren.“ Man sah von ihr nur ein Büschel des Pagenhaares und ihre langen, grauschim mernden Beine. Der Gatte warf die Frage nach dem Einfluß der Mode auf das Wesen der Frauen auf. Der Einbruch der Frau ins Männliche, meinte er, habe mit dem fußfreien Rock begonnen. Der fuß freie Rock habe im Handgemenge der Ge schlechter eine ähnliche Rolle gespielt wie das kurze Schwert der römischen Legio näre im Handgemenge des Schlachtfeldes. Die Bubifrisur setze der Eroberung frem den Gebiets die Krone auf... Bubi hatte eine Pariser Modezeitung in ihr Versteck geholt. „Denkt einmal,“ rief sie plötzlich, „man tanzt nicht mehr. In den letzten acht Tagen haben in Paris 22 Dancings geschlossen.“ ' Sie sprang auf: „Schnell, Männle, einen Shimmy!“ Ich drehte das Grammophon auf, und Bubi tanzte, gehorsam dem großen Ge setz, mit ihrem Gatten den letzten Tanz. 180