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schon hinwelkende, obwohl kaum zwanzig jährige Ägypterin, eine bräunliche, schüch terne Kreatur mit klingenden Spangen, in weißen Flor gehüllt, die fast nie ihr Zimmer verließ und mich scheu umging. Stets neben ihr das bronzene Kind, die scheue, kleine Zobe'ida, zu der mich mütterliches Sehnen nach Zärtlichkeit zog. Eine zufällige Begegnung mit einem gleichgültigen deutschen Bekannten, der, arglos, überrascht, die Hände zum Gruß nach mir streckend, auf der Straße herbei schritt, brachte endlich die Katastrophe: Abd el Latif, trotz tausend heißer Er klärungen unfähig zu begreifen, b e - drohte danach aus Eifersucht mein Leben. Ach, ich selbst hätte mich willig hingeopfert, seinen schrecklichen Irrtum zu beseitigen; umsonst . . . Sein Leben war fortan vernichtet wie das meine auch — noch liebend und be gehrend, bedrohte er mich in düsterer Raserei, ragte finster über mir mit dem Re volver in der Hand, war Tag und Nacht neben mir in Wut und Leidenschaft, holte, als ich endlich fest einschlief, einen nubischen Wächter, dem er be fahl, mit einem starken Stock auf der Schwelle meiner Balkontür zu nächtigen . .. da aber raffte ich, blindlings, in plötzlicher Todesangst, einige nötigste Dinge, etwas verstecktes Geld zusammen und floh aus dem Hause, als Abd el Latif den Pascha besuchen gegangen war — floh — doch eine Minute zu spät! Heimkommend, sah er mich gerade um die Ecke laufen, stürzte mir nach, riß mich zurück, zerrte, schleiite mich heim, warf die Tür ins Schloß, zog die Schlüssel ab — drängte mich in eine Ecke, riß mir die Sachen vom Leibe, greuliche Verwünschungen schäumend — fetzte meine Kleider in Stücke, lag über mir, vor Zorn keuchend, versprach mir, in der kom menden Nacht mich niederzuknallen, falls ich mich zu rühren wagen würde! Nur noch ein Zufall, ein erlauerter, günstiger Moment konnte mich retten . . . Mußte nicht auch er, der Furchtbare, einmal vor Ermüdung einschlafen? Diesen Moment galt es abzupassen !! Wie der nächste Tag verging, weiß ich nicht. Blutrote Angst um mich, dazu drückende Hitze und die überall eindrin genden Sandschwaden des Samum . . . dann die letzte Nacht — ich lauschte regungs los — nebenan in seinem bescheidenen Schlafraum liegt Abd el Latif schwer atmend unter dem Moskitonetz neben der flackernden Kerze — ist plötzlich einge schlafen — da sehe ich ihn liegen in seiner bronzenen Herrlichkeit — und nie gefühl tes Weh zerreißt mir das Herz, denn jetzt, jetzt! Im Nachthemd, unsinnig, wie bewußt los vor Schmerz wie vor Angst, springe ich aus dem halboffenen Parterrefensler, falle weich auf Sand — krieche um die Haus ecke — der Nubier schläft dort! — krieche, raffe mich auf, renne, sehe und höre nichts — nur in die Stadt hinein — über der liegt erste Morgenstille — dort am Platze Droschken — ich springe hinein in die allernächste, rufe „consulat allemand", merke nun erst, daß ich fast nichts, gar nichts bei mir habe, barfuß, krank — am Konsulsgarten öffnet sich leise ein Tor. Man zieht mich hinein, versteckt mich, versucht, mich zum Erzählen zu bringen . . , Bekannte schicken mir Kleidung herüber; der deutsche Konsul leiht mir eine Summe zur Heimreise, Pastor Heift besorgt und zahlt die Fahrkarte — am nächsten Tage geht’s in geschlossenem Wagen zum Bahn hof, mit mir als Schutz ein riesiger Kawaß. In Alexandrien folgte noch eine schauer liche Nacht im Hospiz . . . Am nächsten Morgen rasch auf’s Schiff! Zur See nach V enedig! Dort komme ich nach fünf Tagen See fahrt, dumpfen, zerquälten Hindämmerns an, mit weiter nichts als einem Hand täschchen . . . Mein Leben war gelebt oder war dies nicht ,, Leben“ genug gewesen —? War alles zu Ende? Noch „lebend" er reichte ich die Heimat. Wochenlang lag ich krank an Leib und Seele in drohender Geistesverwirrung. — Mein Lebenswille war unter soviel Trüm mern doch geblieben — und er gab mir die Kraft zum Wiederaufrichten, zur Arbeit, aus deren bescheidenen Erfolgen ich mir mein Leben wieder aufbauen durfte. Nur nachts, in seltenen, schweren Traumbildern will das Furchtbare, was so tief sich in mein Frauendasein einbrannte, in mir auf stehen, und dann muß ich Licht machen, um zu sehen, daß ich geborgen bin — in aller nüchternen Armut doch geborgen. 860