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„Caramba! Viejo amigo!“ sagte der halb Trunkene und packte Storms Arm. „Komm mit rein und trink ein gutes Glas Wein mit mir." „Nein, danke," antwortete Storm. „Ich bin nicht recht in Stimmung.“ „Also denn ein Refresco!“ fEine Art Limo nade, die in Buenos Aires sehr beliebt ist.) Storm willigte ein. Als sie getrunken hatten und die Weinstube wieder verließen, hakte der Elektrotechniker Storm ein und zog mit ihm los. „Ich hob' Schwein gehabt. Ein Weib habe ich harpuniert, sage ich dir, ein Mädel mit For men . . . Die muß ich dir zeigen, Storm , , , oder Herr Nelson, wie ich ja sagen soll." „Ich hob heute keine Zeit. Wirklich nicht." „Redensarten. Ganz in der Nähe ist es. Nur einen Schimmer sollst du von ihr zu sehen be kommen und dann sagen, ob du nicht auch findest, daß sie guapa, magnifico, hermosisima (flott, prachtvoll, das Schönste vom Schönen) ist.“ Ehe Fionador sich versah, hatte der andere ihn in einen Gang gezogen, und sie betraten ein Patio, einen mit Bäumen bepflanzten Hof, einem Atrium ähnlich, wo ein rotes Licht brannte, denn es war Abend. Er wurde weiter gezogen, durch einen schmalen Gang zu einer Tür, die von einem Mann von innen vorsichtig geöffnet wurde. Der Elektrotechniker zerrte seinen Be gleiter mit hinein. Kaum hatten sie sich in dem Raum gezeigt, an dessen Wänden Bänke standen, wo Männer mit Weibern auf dem Schoß saßen, laut und roh mit ihnen sich herumbalgten und Wein a ^ s ati ch schon drei halbnackte junge Mädchen auf sie losliefen. Es war eine Casa francesca, ein französisches Haus . . . Storm machte schnell kehrt, um zurück zu der Tür und wieder hinauszukommen. Aber der Bekannte aus Kopenhagen hielt ihn am linken Arm fest, und ein kleines loses, wildes Mädchen kam frech an ihn herangetanzt und packte ihn beim rechten Arm. Da wurde er wütend, riß sich die Schlipsnadel aus der Krawatte und stach das Mädchen damit in die Seite. „You brüte!“ rief sie. „Loslassen!" Er bekam seinen linken Arm frei und eilte hinaus. „Weshalb stellst du dich so an?“ rief ihm der Elektrotechniker nach. „Alter Bummelant, der keine Mädels sehen kann! Hahaha!“ Storm antwortete nicht, sondern verschwand. Der Elektrotechniker berichtete dann unter allen Dänen in Buenos Aires, was Storm in Dänemark sich hatte zuschulden kommen lassen, und dadurch fühlte er sich in seiner Stellung bei Senora de Sansinena bedroht. Er hatte ja fingierte Empfehlungen schreiben müssen und fürchtete, daß, falls dieser bösartige Kerl seiner Herrin einen Brief schreiben würde, seine Fälschungen schlimme Folgen für ihn bekommen könnten. Es war ein trauriges Zusammentreffen mit diesem Kopenhagener, mit dem Storm übrigens nie auf vertrautem Fuß gestanden, den er nur flüchtig gekannt hatte. Außerdem sah er vor aus, daß Etsarkevig davon erfahren könnte . . . Und dann würde alles herauskommen . . . ,?“,. rf / eser , Z , eit erkrankte die Geliebte plötzlich und kam in ein Hospital. Sie litt an einer bösartigen Halsgeschwulst, und die Ärzte gaben ihm zu verstehen, daß die Erkrankung einen tödlichen Ausgang nehmen könnte. Da begann ihr Freund während eines Besuches von der Religion zu sprechen. Aber sie entgegnete: „Wir sind ja nicht auf christliche Weise ge traut worden, Fio. Haben wir ans gegen unsre Liebe versündigt? Und soll ich jetzt deshalb bestraft werden?“ „Reuig," antwortete Storm, der ihr nichts von seiner Vergangenheit verraten hatte (und jetzt, während ihrer Krankheit, glaubte er ihr am allerwenigsten etwas davon beichten zu dürfen). Jch bin ein Mensch, dessen Sehnsucht auf den Himmel gerichtet ist, dessen Schicksal aber auf Erden sich abspielt. Du hast lange genug mit mir zusammen gelebt, um meine geistigen Inter essen zu kennen. Nie habe ich mich mit Weibern herumgetrieben, und mein Verhältnis zu dir ent sprang ebenso wenig einem niedrigen Trieb, sondern allein seelischem Verlangen. Wir haben in Liebe, Treue und Bescheidenheit mit einander gelebt. Ich glaube nicht, daß deine Krankheit eine Strafe Gottes wegen deiner Anhänglichkeit an mich ist.“ „Wenn ich sterben muß, Fio, wo gehe ich dann hin, und wo gehst du dann hin?" „Liebste, ist der Tod nicht ein Ereignis, das im nächsten Augenblick eintreffen kann, jeden Augenblick, ob wir jung sind oder alt? Das Schreckliche ist, daß wir unsere Lebensfreude nicht vereinigen mit dem Ernst des Denkens, das doch so gut mit der Lebensfreude gleich zeitig gepflegt werden kann." „Ich finde, es ist so schwer, von dir und Mutter und Dolores wegsterben zu müssen . . .“ Dona Etsarkevig glich schließlich einem leben den Leichnam. Während der Krankheit war eine furchtbare Verwandlung mit dieser früher so schönen, jungen Frau vorgegangen. Aber je mehr sie sich dem Tode näherte, desto stiller und in sich gekehrter wurde sie. Ihre letzten Worte an den Freund waren: „Geliebter Fio, deine Braut ist eine sichere Beute des Todes; aber ich verlange gar nicht nach der Erde zurückzukehren. Meine Seele hot in einem anderen und besseren Sein Aulnahme gefunden.“ Und dann nahm sie seine Hand und sagte unter Tränen: „Hab Dank für die geistige Leitung, die du gegeben hast, lieber Freund! Aber du mußt selber ihr folgen. Deine Verhältnisse sind nicht in Ordnung. Aus dem, was du, während ich krank gelegen habe, berührt hast, ist mir klar geworden, daß du ein Geheimnis mit dir herum trägst. Ich bitte dich nicht, es mir zu erzählen. Aber wie ich deinen Rat befolgt habe, so mußt du selber zu Gott, unserm Vater im Himmel in ein aufrichtiges und inniges Verhältnis kommen. Er hat dich zu mir und mir zum Segen ge bracht. Du mußt, selbst in deinem jetzigen Zu stand, von ihm auserwählt sein. Ich segne dich, Fio, und danke dir. Ich habe gebetet und will bis zu meinem letzten Augenblick beten für dich und für Mutter und Dolores.“ Als Storm das nächste Mal in das Hospital kam, war Dona Etsarkevig tot. 850