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Englisch sprach, lud die junge Dame ihn ein, sie zu der Mutter heimzugeleiten. Dieser Tag in Uruguay in Gesellschaft von zwei liebenswürdigen Damen wurde für Storm unvergeßlich. Und einen Monat darauf ver lobte er sich mit der zweiundzwanzig Jahre alten Dona Etsarkevig. Dank einem reichen, mildtätigen Verwandten, einem Schiffsbaumeister in Faaborg, der ihm einen großen Koffer mit Herrengarderobe geschickt hatte, war er sehr anständig angezogen, aber Geld hatte er nicht allzuviel. Bei einer größeren englischen Meiereifirma, die neben ihrem Hauptbetrieb in Buenos Aires zahlreiche Filialen im übrigen Lande unterhielt, hafte er kurz darauf eine Anstellung gefunden, ln einer ihrer Filialen in der Nähe der däni schen Kolonie Tandil war er bereits drei Wochen beschäftigt gewesen, als in einer im westlichen Argentinien liegenden Filiale ein sprachkundiger Mann benötigt wurde. Storm nahm diese neue Stellung sogleich an. Eine Woche vorher hatte er an Dona Etsar kevig einen Brief geschrieben und sie gebeten, die Bekanntschaft mit einer Verlobung vor Augen fortzusetzen. Als er jetzt auf dem Wege nach der neuen Stellung Buenos Aires be rührte, gingen sie in das „Teatro de Opera“, wo sie „Lohengrin“ hörten. Eine italienische Operngesellschaft veranstaltete die Vorstellung. Während einer Pause, als sie einen Sherry - cobbler tranken, legte Etsarkevig ihre Hand in seine und sagte: „What you haue asked I grant you.“ Damit waren sie verlobt. Etsarkevig wurde zu Kevig und Fionador zu Fio verkürzt. Diese beiden Kosenamen benutzten sie gegen seitig für einander. Nach diesem Erlebnis hielt Storm es auf der Estancia Boscobel, wohin er von Tandil versetzt worden war, nicht lange aus. Es war ein sehr abseits gelegener, lang weiliger Ort. Schon nach vier Tagen eilte er nach Buenos Aires zurück, wo er bei Dona Etsarkevig und ihrer Schwester Dona Dolores, die sechs Jahre älter war, ein täglicher Gast wurde. Er halte sich, wie bereits erwähnt, für einen Journalisten ausgegeben. Um nun nicht einen merkwürdigen Eindruck mit den Stellen zu machen, die er (da er ja seinen Platz bei der Meiereifirma seiner Braut zu Liebe, um in ihrer ständigen Nähe sein zu können, auf gegeben hatte) jetzt in Buenos Aires annehmen mußte: Stubenmädchen, Koch, Pyrotechniker und Lakai (in jeder der ersten drei Rollen trat er nur ein paar Wochen lang auf, dagegen war er Lakai — und zwar bei Senora de Sansinena — mehrere Monate hindurch), erzählte er seiner Verlobten, daß er ein Buch über argentinische Abenteuer schreiben wolle, und daß er diese untergeord neten Stellungen gewählt habe, um auf diese Weise einen intimen Einblick hinter die Kulissen des Familien- und Gesellschaftslebens zu er halten. Er erregte keinen Verdacht, da sein kultiviertes Benehmen und Sprechen es klar machte, daß er in Wirklichkeit nicht als Koch, Lakai etc. auf gewachsen war. Es interessierte auch im höchsten Maße die beiden Schwestern, wenn Storm während seines Aufenthaltes im Palais Reconquista (so hieß das Palais der Senora de Sansinena) zu ihnen kam und von dem dort herrschenden Leben erzählte. Bereits einen Monat nach ihrer Verlobung be gannen beide an Heirat zu denken. Aber der Umstand, daß Dona Etsarkevig Katholikin und Storm Protestant war, machte eine kirchliche Trauung schwierig. „Gibt es in Argentinien kein Gretna Green, Kevig?” fragte Fionador seine Braut. „Nicht, soweit mir bekannt „Hier gibt es aber Juristen, meine Freundin. Und wenn du dein Einverständnis gibst, werden wir im Laufe von drei Tagen juristisch ver heiratet sein.” „J uristisch?“ „Ja, juristisch.” „Das hört sich so profan an.“ „Nicht darauf, wie es sich anhört, kommt es an, sondern auf die Beschaffenheit der Herzen. Willst du dich mit mir verheiraten, Kevig?“ „Ja, Fio!“ Und sie wurden getraut, — nicht kirch lich und auch nicht bürgerlich, sondern juri stisch. Und die Schwester, Doria Dolores, über ließ ihnen das, größte Zimmer, das sie hatte. Storm hatte seinen Platz bei Senora de San sinena, und er ließ sich ein paar Extraschlüssel zum Haupteingang des Palais machen. Die Küchentreppe wollte er nämlich nicht benutzen, teils, weil er dort mit Mädchen Zusammentreffen konnte, und teils, weil es Lärm machte, die Hintertreppentür zu öffnen. Um die Mitter nachtsstunde schlich er sich aus dem Palais hinaus und eilte zur nahen Calle Tucuman hin, wo er und Dona Etsarkevig ihre Privatwohnung hatten. Sie sparten Geld. Storm verdiente bei Senora de Sansinena 60 Pesos (90 dänische Kronen) monatlich (man muß daran denken, daß dies im Jahre 1910, also lange vor dem Krieg war). Er hatte alles frei, Essen, Wohnung, seine Kleidung nutzte er nicht ab, da er ja tagsüber Livree trug. Von dem im Palais herrschenden Über fluß, besonders bei großen Gesellschaften, brachte er so viel mit heim, daß die beiden Schwestern oft für mehrere Tage versorgt waren. Storm fühlte sich in den zärtlichsten und sichersten Händen des Glücks und hoffte, ein mal zusammen mit Etsarkevig eine Filiale des Geschäfts der Schwester zu etablieren, falls sie in ruhigem, glücklichen Zusammenleben jedes von ihnen Geld zusammensparen und eine Zeit lang in den Stellungen, die sie jetzt hatten, aus harren würden. Da geschah es, daß er eines Tages auf dem dänischen Konsulat einen Bekannten aus Kopen hagen traf, einen Elektrotechniker. „Guten Tag, Storm Bist du hier drüben?“ fragte der Elektrotechniker sehr laut. „Guten Tag!“ antwortete der Angeredete, unangenehm von der Begegnung berührt. Er fügte hinzu: „Sei so liebenswürdig und sprich mich nicht mit dem Namen an.“ „Mit welchem Namen denn?“ „Nenne mich Nelson!“ Er wand sich ziemlich schnell aus der unan genehmen Situation heraus. Aber ein paar Wochen später lief er abermals dem Elektro techniker in die Arme, als dieser in ziemlich gehobener Stimmung aus einem Restaurant trat. 849