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Komisch ist, wenn meine Schwester von meinem verstorbenen Bruder träumt, so hat sie sicher am darauffolgendem Tage eine ganz, ganz große Freude. Wenn ich dagegen träume, ich sei gestorben, dann höre ich immer ganz überirdische, wunderbare Musik. Aber, wie gesagt, ich empfinde die Gabe der Wahrträume als ein Unglück. Die Frau des Lagerhalters Zuther vo-n dem bei Feuerland untergegangenen großen Motorschiffe „Monte Cervantes’ hat beide Unfälle des Schiffes vor der jedes maligen Unglücksfahrt im Traume voraus gesehen, sowohl den Unfall bei Spitzbergen wie den Untergang. Noch unter dem frischen Eindruck der Katastrophe schreibt ihr Gatte von Bord des abgesandten Hilfsschiffes „Monte Sarmiento” von Brasilien aus am 5. Februar dieses Jahres: m 16. August 1928 stand ich in Hamburg mit mei ner Frau vor einem Zei tungskiosk und betrachtete das Bild des Eisbrechers Krassin mit den Worten: ,Ich würde was drum ge ben, wenn ich das Schiff mal betreten könnte!' und kaufte die Zeitung. ln der Nacht wurde ich durch krampf haftes Weinen meiner Frau geweckt. Auf meine Frage, was ihr fehle, brachte sie unter Würgen und Zittern heraus: ,Diesmal pas siert was mit der ,Monte Cervantes'! Ich habe eben gesehen, wie die ,Monte Cer vantes' mit einem ziemlich großen Eisblock zusammengeprallt ist. Nachher hat sie mit der Spitze ganz im Wasser gelegen. Du bist an Deck wild hin und her gelaufen, und viele Frauen und Männer haben durcheinander- geschrien. Mit einem Male lag der Krassin bei euch am Schiff, und du gingst auf dem russischen Schiff hin und her, schautest immer auf die ,Monte Cervantes ', die vorn ganz tief lag, und schütteltest bloß den Kopf.' Die Bestätigung dieses Wahrtraumes er lebte ich am 25. August 1928, als wir mit der ,Monte Cervantes' mit einem Eisblock bei Spitzbergen zusammenstießen und am 26. August morgens 3 Uhr der Krassin neben uns in der Glöckenbai von Spitzbergen lag und ich abends 3 Stunden an Bord des russischen Eisbrechers Krassin war und mir ihn innen und außen angesehen habe. Am 29. November 1929 verließ ich au! der ,Monte Cervantes' Hamburg zur Fahrt nach Südamerika. Am 24. Dezember kamen wir in Buenos Aires gut an und wollten am 15. Januar nach Feuerland weiterfahren. Am 4. Januar erhielt ich in Buenos Aires folgenden Brief meiner Frau vom 11. De zember: ,Ich bitte Dich, sieh Dich vor! Auf dieser Reise passiert bestimmt was! Ich habe in der letzten Nacht einen furchtbaren Traum gehabt. Ich habe die ,Monte Cervantes' im Sturm gesehen, das Vorschiff ganz unter Wasser. Die Passagiere haben durchein- andergeschrien, und mit einem Male ist das Schiff nach der rechten Seite umgekippt. (Bemerkung des Ehemanns. .Monte Cer vantes’ ist tatsächlich nach Steuerbordseite gekentert und weggesunken.) Ich selbst habe im Traum geschrien: ,Mein Mann ist noch drin!' Der Schrei war so laut, daß die Nach barin Frau Mehner ihn hörte und mich heute morgen danach fragte. Der habe ich dann den Traum erzählt. — Aber mit einem Male kamst Du fix und fertig angezogen auf mich zu, faßtest mich am Arm und sagtest, indem Du nach dem untergegangenen Schiffe zeigtest: ,Komm man, das ist erledigt, wir wollen nach Hause gehn!' Da bin ich ohn mächtig geworden. Dieser Wahrtraum in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember ist am 22. Januar um 12 Uhr 43 in Erfüllung gegangen, als die ,Monte Cervantes' in Ushuaia auf einen Felsen auflief, kenterte und unterging.“ Als mir Frau Nennemann aus Berlin NO 18, Elisabethstraße 16, eine inter essante Spukerscheinung mitteilte, schrieb sie mir zugleich, daß sie mir mündlich noch eine ganze Reihe Wahrträume erzählen könne. Ich suchte sie darauf am 23. Januar dieses Jahres auf, und sie berichtete unter anderem in Gegenwart ihres Mannes: „ln den letzten Nächten habe ich wieder holt den gleichen Traum gehabt: Ich sah unseren Nachbar, einen Milchhändler, jedes mal im Totenhemd oder im Sarge liegen. Sicher steht sein Tod nahe bevor.“ Am 28. Januar benachrichtigte mich Frau Nennemann, daß der Milchmann tatsächlich in der Nacht vom 27. zum 28. Januar ge storben sei. Ich konnte mich von der Rich tigkeit dieser Angaben überzeugen und wurde so selbst Zeuge für einen der hier an geführten Fälle. 825