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„Jetzt ist es aber genug mit diesem ewigen Kindergeschrei da unten bei Eis- holzens! Wir müssen Gegenmaßregeln treffen!” Darauf setzte Herr Birkbaum eine ge borstene Platte auf sein Grammophon, zog den Apparat auf, und jeden Abend zwi schen fünf und neun, d. h. in der Zeit, wo das Geschrei unten bei Elsholzens am schlimmsten war, ließ er die geborstene Platte ununterbrochen spielen. „Wir werden ihnen schon beibringen, Rücksicht auf ihre Nachbarn zu nehmen!“ sagten Herr und Frau Birkbaum. Aber als Herr und Frau Cederkraut in der Wohnung über Birkbaums zehn Abende lang die Musik von Birkbaums geborstener Grammophonplatte gehört hatten und ihre Tränendrüsen versiegt waren, sagten sie: „Wir müssen etwas tun. Sie müssen lernen, Rücksicht auf ihre Nachbarn zu nehmen. Ob wir ein Klavier für Anne- Lieschen mieten?“ Also mieteten Cederkrauts am nächsten Tage ein Klavier für ihre Tochter, und jeden Abend zwischen fünf und neun üble Anne-Lieschen Tonleitern und Etüden nach Herzenslust. „Du mußt mit mehr Kraft und Gefühl auf die Tasten schlagen und nicht so dasitzen und auf dem Instrument herumstochern!“ sagte Herr Cederkraut. „Die Leute müssen lernen, Rücksicht auf ihre Nachbarn zu nehmen.“ Aber eines Abends bekamen die Herr schaften Eichgrün es über, jeden Abend zwischen fünf und neun in der Badestube zu sitzen. „Rache!" keuchte Herr Eichgrün. „Wir wollen uns eine Ziehharmonika kaufen!“ „Jawohl,“ sagte Frau Eichgrün, „das wird sie vielleicht lehren, Rücksicht auf ihre Nachbarn zu nehmen." Folglich kaufte Herr Eichgrün am näch sten Tage zwei billige, aber stark tönende Harmonikas. Herr Eichgrün war ein gut gewachsener Mann mit muskulösen Armen, und hrau Eichgrün war außergewöhnlich kräftig gebaut. Jeden Abend, solange Anne-Lieschen Cederkraut Tonleitern und Etüden übte, spielten Herr und Frau Eich grün Ziehharmonika, bis sämtliche Arme und Gehirne lahm wurden. Aber Herr und Frau Buchwald in der Wohnung darüber verloren schließlich die Lust, jeden Abend aus ihrer Wohnung zu fliehen, und einmal sagten sie: „Ha, Rache!" Worauf Herr Buchwald einen Fünf- röhren-Radioapparat mit dem stärksten Lautbrüller kaufte, der aufzutreiben war; und es kam vor, daß Leute am Ende der Straße stehenblieb-en, um die Tagesneuig keiten von Buchwalds Lautbrüller zu hören. Das früher so friedliche Hundertfamilien haus in der Emilstraße 99 war in kurzer Zeit wegen des lärmenden Lebens dort ver rufen. Ganz oben im Hause wohnten, wie man sich vielleicht erinnert, Herr und Frau Lindenwurz, und als Lindenwurzens die Fußböden durch Klopfen ruiniert und für viele Mark Watte für ihre Ohren ver braucht hatten und ihre Nerven zer rissen waren, riß schließlich auch ihre Ge duld, und einmal floh Herr Lindenwurz aus seinem Heim und wanderte vor die Stadt. Da kam Herr Lindenwurz auf seinem Spaziergang an einen Rummelplatz, der auf einer kleinen Wiese aufgeschlagen war. Mitten unter den Zelten stand ein sonder barer Apparat von der Größe einer kleinen Wohnlaube. In den oberen Ecken dieses sonderbaren Apparates waren zwei höl zerne Engel mit Posaunen vor dem Munde angebracht. In Nischen, unter drei Reihen Orgelpfeifen, saßen sechs andere Holzengel mit Pauken, Zimbeln, Triangeln und Schellen, und zu unterst sah man zwei mus kulöse Arme aus Eisen, deren beide Hände einen großen Schmiedehammer hielten, unter welchem Metallstücke von verschie dener Größe und Stärke lagen. „Was in aller Welt ist das für ein Un geheuer?“ sagte Herr Lindenwurz zu einem Mann mit dickem, schwarzem Schnurrbart, der neben dem Apparat stand. „Oh,“ sagte der schwarzbärtige Mann, „das werrrde ich Ihnen glaich errklärren.“ Der Mann drückte auf einen Knopf an der einen Seite des Apparats. Da begannen die drei Reihen Orgelpfeifen zu dröhnen und zu pfeifen, die hölzernen Engel oben lärmten mit ihren Posaunen, die hölzernen Engel unten schlugen auf ihre Pauken, Zimbeln und Triangel und schüttelten ihre Schellen, und die muskulösen Arme ließen den Schmiedehammer auf die Metallstücke fallen. Wenn auch Herr Lindenwurz an Ge räusch gewöhnt war, so stürzte er doch bei diesem entsetzlichen Lärm betäubt auf die lehmige Erde, und erst nach großen An strengungen gelang es dem Budenbesitzer 811