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abgegrenzt. Sie schlug aber nach dem Weltkrieg um so wuchtiger nach Europa über, das, auf der Suche nach einer reli giösen Renaissance, aller neuen Prophetie offen stand. Der Erfolg gab denen recht, die die Zeit gekommen sahen, den Sinn des Glaubens und den Begriff der Religion zu revidieren. Die Anhängerschaft wuchs und wuchs. Der Orden des Sterns breitete sich zu einer mächtigen Sekte aus und machte 0 m m e n , ein kleines holländisches Städtchen, zu seinem europäischen Wallfahrtsort. (Vgl. ,Bei Krishnamurti zu Gast“ von Rom Landau in „Scherls Magazin“ Nr. 9, September 1928). FürdieasiatischenGlaubensgenossenbliebBe- nares die heilige Stadt, und die Amerikaner erhielten in 0 j a i in Kalifornien ihr Mekka. Der indische Zauber und die anziehungs kräftige Einfachheit der Lehre hätten aller dings ohne die geschickten Hände, in denen die Verbreitung des neuen Glaubens lag, kaum ihr Werk getan. Zuletzt bestand der Orden bereits in 49 Ländern, zählte über 130 000 Mitglieder und konnte mit etwa einer halben Million stiller Anhänger Krishna- murtis rechnen. Sein offizielles Organ, das „International Star Bulletin“, erscheint mo natlich, in zwölf Sprachen und beinahe 1 Million Exemplaren, und findet von Australien bis zum ödesten sibirischen Win kel, vom Balkan bis zum Feuerland, von Cuba bis zu den kanadischen Farmen auf der ganzen Welt Verbreitung. Jährlich drei Weltkongresse, die in mächtigen Zeltlagern, November in Benares, Mai in Kalifornien und August in Ommen, veranstaltet werden, und zu denen Tausende aus aller Herren Ländern hinpilgern, um diesem „Gesandten des Ostens an die Welt“ zu lauschen, sorgen dafür, daß Krishnamurti eine Tribüne von Weltakust'ik erhält. In unserer heutigen Zeit, in der sich wohl feile Weisheiten als glänzendes Geschäft er weisen und der Ausschank „moderner“ Le bensansichten in hoher Blüte steht, in dieser Zeit, in der sich schiffbrüchige Existenzen mit Seelenkurpfuscherei über Wasser halten, müssen jene, die den Schwindel kennen, freilich auch angesichts dieser neuen Strö mung Mißtrauen empfinden. Wo ist das Maß, mit dem die Wahrheit gegenüber all der Lügenhaftigkeit gemessen wird? Und wo der Prüfstein, der Gold von Talmi unter scheidet? Die Ideologie Krishnamurtis quillt aus den tiefsten Brunnen mensch- lischer Güte und dennoch — die reinsten Ideen, weiß wie Tauben, können falsch werden im menschlichen Munde, wie Schlangen. Diese Gefahr mag auch Krishnamurti er kannt haben, als er im Januar 1927, nach 16 Jahren des Suchens und der geistigen Anspannung, endlich zum ersten Male zu sprechen begann. Er sagte sich los von den eisernen Gittern, mit denen die in ihrem in Frau Annie Besaut, die Präsidentin der Theosophisdien Gesellsdiaft, und ihr als neuer Messias verkündeter Schützling Krishnamurti 805