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Aber auch körperlich können Autosuggestionen in Erscheinung treten, bisweilen mit einer Deut lichkeit und Stärke, daß wir geneigt sind, diesen Vorgang für ein Wunder zu halten. Ein solcher ist das Phänomen der Stigmatisation, wo die religiösen Vorstellungen als inneres Erlebnis auch die leiblichen Vorgänge widerspiegeln wie Blutungen an den Handflächen. Bei der Katharina Emmerich gehorchte selbst der Blutkreislauf den inneren Visionen, ebenso wie die indischen Yogis ihren Pulsschlag beherrschen können. Durch Auto suggestion erklären sich auch die zahlreichen eingebildeten Krankheiten ln einem Feldlazarett lag ein Mann, bei dem man Tetanus (Starrkrampf) vermutete. Er zeigte alle äußeren Zeichen dieser Erkrankung, wie Muskelkrampf, Atemnot usw. — Es fehlte ihm aber in Wirklichkeit weiter nichts — nur ein leichter Streifschuß. Er hatte im Nebenbett einen Tetanuskranken beobachtet und sich diese Krank heit „ eingeredet''. Man kann hier nicht von Simulation sprechen, genau so wenig wie bei den zahlreichen Hypochondern, die jedes Leiden gleich am eigenen Körper spüren, von dem sie im Lexikon lesen. Professor Schleich erzählte einen Fall aus seiner Praxis: Er besuchte eine junge Dame, die irgendein un bedeutendes Leiden halte. In der Ecke des Zimmers steht ein elektrischer Ventilator. Plötz lich sagt sie auf schreckend: „Mein Gott, das summt ja so! Wenn das eine große Biene wäre!" Er versuchte sie zu beruhigen. „Nein, nein, sie könnte mich stechen. Wenn das mein Auge träfe!“ rief sie. Und es dauerte nicht lange, da schwoll ihr Auge an mit allen Merkmalen eines echten Bienenstichs. Ein anderer, leider tragischer Fall, der in der medizinischen Welt großes Aufsehen erregte: Ein Mann stach sich unbedeutend mit der Schreibfeder in die Hand. Es war nicht mehr als ein kleiner schwarzer Punkt auf der Haut. Der Betreffende hatte die dauernde Vorstellung, er werde daran zugrunde gehen. Sein Arzt zog zu seiner Beruhigung einen Professor zu. Es war weder eine Schwellung noch die Spur einer Blut vergiftung vorhanden und trotzdem — der Mann starb an seiner Vorstellung, es sei eine tödliche Blutvergiftung. Der Weg vom „Besprechen", das heute noch auf dem Lande bei der Rose oder Entfernung von Warzen seine Anhänger hat, bis zu modernen Wunderkuren ist nicht weit. Der Glaube an eine Medizin, an ihre Wirkung, an die Tröstungen eines Arztes läßt zwar allein nicht genesen — aber er hilft. Diese Möglichkeit wird von der