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Otto Wirz, Prophet MüUer-ZWO. Roman. Verlag J. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Das ist eine merkwürdige, erregende Geschichte. Ein Nützlichkeitsmensch wird hier verwandelt. Die ganze groteske, durch Widerspruch aufwühlende Art von Wirz zeigt sich schon darin, wie er den Beruf seines Nützlichkeits menschen ansetzt: Giftgas-Chemiker. Die Nützlichkeit hat sich so übersteigert, daß sie bereits wieder in ihr Gegenteil umschlägt, in die Zerstörung der Nütz lichkeit durch ihre eigenen Gebilde und Erfindungen. In diesem polaren Stil ist die ganze Erzählung geschrieben, Erlebnis steht gegen Erlebnis auf, Hin gebung ist sofort Abwehr, Heiligung äußert sich als Skepsis, um nicht als Marktwert erfaßt und mißbraucht zu werden. So wird das Gejagte unserer Zeit auch sprachlicher Ausdruck. — Otto Wirz würde man in ruhigeren Zeiten einen Romantiker nennen von der „heiligen Nüchternheit", wie sie bei Hölderlin und Novalis glühte, wie sie unter Heutigen bei Robert Musil zu finden ist. Wirz ringt um das „Ahnungsvolle", er zeigt die Vergeblichkeit der „hohlen Gescheitheit", der wir unsere Zusammenbrüche verdanken. Er stellt gegen die Typen des genießerischen egoistischen Subjektivisten, der fragt: „Welchen Nutzen kann die Person für sich selbst aus dem Gegenstände ziehen ?", und des nur wissenschaftlich, nur sachlich, aber schon um die Wahrheit kämpfenden Objektivisten den kindlichen, der Welt aufgeschlossenen, von ihr ganz und gar erfaßten, ihre Geheimnisse ahnungsvoll und schaudernd erschauenden Menschen. So einer wird der Giftgas-Chemiker Müller zwo (denn in der Fabrik gab es zwei Müller, und Wirz meint damit: er ist gar kein Ausnahmefall, es kann uns allen passieren, wir sind alle Müller). Diese Verwandlung eines Nützlichkeitsmenschen geschieht in einer großen Nervenkrise, aber auch sie ist nur als ein Zeichen für die große seelische Krise hingesetzt, in der wir alle drinnen stecken. Gegen das Laute wird von Wirz wieder die Kraft der Stille gesetzt, gegen das Moralisierende aller Heilsbotschaften und gegen die Kontroll- beamtenhaftigkeit des Intellekts erhebt sich eine bis ins Innerste des Menschen greifende Umschichtung, die er „Gottessohnung" nennt. Wirz gehört mit zum Protest des Gefühls gegen die allgemeine Vernutzung und Verzweckung der Welt. Wobei er aber unter „Gefühl“ gar nicht etwas Nebelhaftes und Un verbindliches meint, sondern ein fast mathematisch bestimmbares Gefühl, entstanden in harter Schulung und Innenschau, kurz der Entselbstung. Diese mißachteten, lange verkannten Kräfte des inneren Menschen ruft Wirz in dieser gleichnishaften Geschichte einer Verwandlung auf. „Weil das mensch liche Herz schläft“ — darum spricht Wirz. Um es wieder zu erwecken! Oskar Maurus Fontana R. C. Sherriff, Badereise im September. Roman. Deutsch von Hans Reisiger- S. Fischer Verlag. „Wer die See und das Strandleben liebt, wird in lächelnde Ferienstimmung bei der Lektüre dieses leichten, tiefen, kleinen Büchleins geraten." — Be richtigung: Auch, wer das Gebirge und Klettertouren liebt; und nicht nur in Ferienstimmung, sondern in Lebensnähe; und das Büchlein ist ein leicht gebundenes Buch von 340 Seiten. Die man gleichwohl in einem bis drei Zügen verschlingt, nicht etwa wegen des Spannungs-, sondern wegen des Lebensgehalts der Erzählung. Sie ist gesättigt von Realität. In der Bade reise einer englischen Familie ist die Essenz eines Lebens im Mittelstand eingefangen mit all den hundert Marginalien, die den Reiz des Lebens be deuten. Sherriff, der Dramatiker der „Anderen Seite“, war früher Ver sicherungsbeamter, als solcher hat er wohl tiefe Einblicke in Menschen wohnungen und Menschenseelen getan; als Erzähler ist er erfreulicherweise kein Analytiker, sondern ein Synthetiker, dem sich Charakterkunde in lebendige, humorvolle Erzählung auflöst. — Unbedingt zu lesen! 434