Konversation 1933 Winke für die Reise, wie sie auch Seit ein Franzose in ein Berliner Kaffeehaus kam, das Wörterbuch aus der Tasche zog, darin blätterte und dann mit lauter Stimme vorlas: „Knabe — Junge — Junggeselle — Geselle — Aufwärter — Bursche — Lehrling — Kellner! Einen Kaffee!“ — hat die Schwierigkeit, sich in einem fremden Land verständlich zu machen, in keiner Weise abgenommen. Ver mehrt haben sich aber die Konversa tionsbücher mit ihren wunderbaren Musterdialogen. Es müßte ein unerhörtes Vergnügen sein, zwei Benutzer solcher Dialog bücher miteinander sprechen zu hören. Sie schlagen beide die Seite auf: Erste Unterhaltung im Eisenbahnwagen und nun konversieren sie: „Könnten Sie nicht ein wenig zu rücken, lieber Herr?“ „Viel eben nicht, denn mein Herr Nachbar ist etwas wohlbeleibt!“ „Mich fängt an zu hungern.“ „Und mich zu dursten. Kann man in der nächsten Station etwas Ordent liches für sein Geld haben?“ Die zweite Unterhaltung in einem Eisenbahnwagen sieht die wertvollen Worte vor: „Was ist denn das für ein Fluß, über den wir jetzt fahren?“ „Er ist eigentlich nur ein Bach; es muß im Oberland stark geregnet haben, sonst wäre er nicht ange schwollen.“ Und nun heißt es aussteigen, denn eine dritte Unterhaltung in einem Eisenbahnwagen gibt es nie. Auf dem Dampfboot (Sur un bateau) kann man auf die Frage: „Sie reisen nach X?“ noch antworten: heute noch im Buch stehen „Aufzuwarten — und Sie?“ (Oui, Monsieur, et vous?), kann noch rasch den Kavalier spielen: „Kellner, wieviel beträgt meine Zeche? Geben Sie diese Kleinigkeit in die Büchse für die Mannschaft und nehmen Sie dies für sich!“ — dann aber wird der vorsichtige Reisende an gelangt sein, denn sein Reisegenosse hat die letzte Antwort angebracht: „So wären wir denn angekommen!“ Alle Konversationsbücher sind für ausgesprochen feine Leute bestimmt. Nie bringen sie lebenswichtige Aus drücke, wie: „Das geht Sie nichts an!“, oder „Lassen Sie mich in Ruhe!“, und der Reisende wird sich jede Grob heit zuerst sagen lassen müssen. Seine Besuche werden kurz sein, denn nach der Begrüßung: „Seit einer Ewigkeit habe ich Sie nicht gesehen!“ und der Antwort: „Ich bin Ihnen für Ihre Aufmerk samkeit sehr verbunden“ ist man schon beim Kapitel 14 — Beim Abschiednehmen. Auffälligerweise klei det man sich aber erst im Kapitel 17 an, also nach dem Besuch. Herren kommen gar erst im Kapitel 18 an die Reihe. Die Worte für die Damen toilette, womit das Ankleiden gemeint ist (das andere fehlt leider auch), sind wesentlich: „Die gnädige Frau haben geklingelt? (Sie haben geschellt, Madame?)“ „Jawohl, heize ein und mache meine Toilette zurecht.“ „Gib mir meine Strümpfe und Strumpfbänder.“ „Hier sind sie, Madame.“ „Hast du den Zahnarzt und den Hühneraugen-Operateur bestellt?“ 4 417