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1. Februar 1880. — Gestern gab Turgenjeff Zola, Daudet und mir ein Ab schiedsessen vor seiner Abreise nach Rußland. Er fährt diesmal mit einem selt samen Gefühl der Ungewißheit in sein Land zurück, einem Gefühl, das er, wie er sagt, in seiner frühesten Jugend bei einer Fahrt über die Ostsee empfand, als das Schiff vollkommen in Nebel gehüllt war und er als einzige Gesellschaft eine auf Deck angekettete Äffin hatte. Und solange wir noch allein sind, beginnt er von dem Leben zu reden, das er in sechs Wochen führen wird, von seiner Be hausung, von seiner Hühnersuppe, der einzigen Speise, die sein Koch zuzubereiten versteht, und von den Unterredungen — von seinem kleinen, beinahe ebenerdigen Balkon aus — mit den Bauern, seinen Nachbarn. Als feiner Beobachter und guter Komödiant schildert er mir die drei Schichten der heutigen Generation: die alten Bauern, deren schallend leere, aus einsilbigen, nie zu Ende gesprochenen Worten bestehende Reden er kopiert; die Söhne dieser Bauern, mit ihrem salbungsvollen, lehrhaften Gerede; und die Enkel, eine schweig same, diplomatische und ätzend zerstörende Schicht. Auf meine Bemerkung, daß diese Gespräche ihn sehr langweilen müssen, schüttelt er energisch den Kopf und sagt, daß es ganz merkwürdig sei, was man manchmal von diesen völlig un gebildeten Menschen zu hören bekomme, deren Geist in der Einsamkeit und Beschaulichkeit ununterbrochen arbeite. 9. April 1881. — Nach dem Abendessen ist von Liebe die Rede und von dem manchmal ganz seltsamen Geschmack der Frauen. Worauf Turgenjeff Folgendes erzählt: In Rußland war eine entzückende Frau, deren milchkaffeebrauner Teint wundervoll mit dem aschblonden, duftigen Haar zusammenstimmte. Dieser Frau wurde von den klügsten und berühmtesten Männern sehr hofiert. Als Turgen jeff sie eines Tages fragte, warum sie von allen Anbetern unerklärlicherweise gerade den einen erwählt habe, antwortete sie: „Ja, es ist vielleicht wahr . . . aber Sie waren tue dabei, wenn er sagte: ,Nicht möglich . . .! Was Sie sagen . . .?!““ 6. März 1882. — „Der Gedanke an den Tod“, sagt er, „ist mir sehr vertraut, aber ich schiebe ihn immer von mir“ — und er macht eine kleine Abwehrbewegung mit der Hand. „Für uns Russen hat der slawische Nebel etwas Gutes ... er hat den Vorteil, uns der Logik unserer Ideen und allzu konsequenter Schlußfolgerungen zu berauben . . . Wenn wir bei uns in Rußland in einen Schneesturm geraten, pflegt man uns zu sagen: „Denkt nicht an die Kälte, sonst müßt ihr sterben!“ Nun, und dank diesem Nebel, von dem ich sprach, denkt der S'awe im Schnee sturm nicht an die Kälte, und auch der Gedanke an den Tod verblaßt und ver schwindet bei mir sehr schnell . . .“ 10. Aprü 1883. — Es ist heute nur von Turgenjeff die Rede, den Charcot aufgegeben hat. 21. April 1883. — Ein echter Schriftsteller, unser Turgenjeff. Man hat ihm eine Zyste aus dem Bauch herausgeschnitten, und er sagte zu Daudet, der ihn kürzlich besuchte: „Während der Operation dachte ich an unsere Diners, und ich suchte die Worte, mit denen ich euch den genauen Eindruck des Stahles wieder geben könnte, der die Haut durchstößt und in das Fleisch eindringt, wie ein Messer, das eine Banane zerschneidet.“ 7. September 1883. — Die Totenfeier und Beisetzung Turgenjeffs hat heute aus den Häusern von Paris eine Unmenge von Riesen mit plattgedrückten Zügen und Gottvater-Bärten herausgelockt. Ein ganzes kleines Rußland, das man in dieser Stadt gar nicht vermuten würde. Auch viele russische Frauen, deutsche Frauen, englische Frauen . . . lauter treue Leserinnen, die dem großen, fein fühligen Schriftsteller die letzte Ehre erwiesen. 409