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schaft, anläßlich der Aufhebung der Leibeigenschaft, einem Ereignis, an dem ich nicht ganz unbeteiligt bin, wie Sie wissen, wurde ich vom Grafen Orloff, der mein Freund ist und dessen Trauzeuge ich war, zum Diner eingeladen. Ich bin vielleicht nicht der größte russische Schriftsteller in Rußland, aber in Paris da es keinen ändern gibt . . . müssen Sie doch selbst zugeben . . . nicht wahr . . .? Nun . . . und wohin hatte man mich bei Tisch gesetzt ? . . . Auf Stuhl Nummer 49, hinter den Popen . . . Und Sie wissen, wie verachtet der Priester in Rußland ist . . 21. November 1875. — Der Kaiser aller Reußen hat, so erzählt Turgenjeff, niemals das geringste Gedruckte gelesen. Wenn ein Buch oder ein Zeitungs artikel ihn interessiert, wird davon für ihn eine Kopie in schwungvoll kalligrafierter Kanzleischrift verfertigt, und Turgenjeff erzählt uns, daß der Autokrat von Zeit zu Zeit in dem Dorf X. kurzen Aufenthalt nimmt, wo er sich der Kaiserwürde zu entkleiden posiert und sich schlicht Herr Romanow nennen läßt. 5. März 1876. — Turgenjeff bei Flaubert: „So deutlich wie gestern habe ich noch nie empfunden, wie verschieden die Rassen sind; ich konnte die ganze Nacht deswegen nicht richtig schlafen . . . Wir ... ich meine uns Schriftsteller . . . wir haben doch alle den gleichen Beruf. . . Nun, gestern im Theater, als der junge Mann dem Liebhaber seiner Mutter, der seine Schwester küssen wollte, sagte: „Ich verbiete Ihnen, dieses junge Mädchen zu küssen . . . “— da hat es mir einen Ruck der Abwehr gegeben, und wenn fünfhundert Russen unter den Zuschauern gewesen wären, sie hätten bestimmt alle genau so reagiert wie ich . . . Und Flaubert und die Leute in seiner Loge haben diesen Abwehrblitz nicht gefühlt . . . Darüber habe ich in der Nacht viel nachgedacht ... Ja, gewiß, Ihr seid Lateiner, es steckt etwas von Rom in euch mit seiner Religion des Rechtes . . . kurz ihr seid Männer des Gesetzes . . . Wir . . . wir sind nicht so . . . Wie soll ich es ausdrücken? . . . Schauen Sie . . . nehmen Sie bei uns einen Kreis alter Russen an und hinter ihnen ein Durcheinander von jungen Russen. Nun, und die alten Russen sagen ja oder nein . . . Die jungen Russen hinter ihnen stimmen diesem Urteil zu. Sie müssen sich vorstellen, daß es für dieses Ja oder Nein kein Gesetz mehr gibt, daß kein Gesetz mehr existiert, denn das Gesetz kristallisiert sich bei den Russen nicht so wie bei euch. Ein Beispiel: Wir sind in Rußland Diebe und trotzdem: wenn ein Mann zwanzig eingestandene Diebstähle begangen hat, aber erwiesenermaßen aus Not und weil er Hunger hatte, wird er freigesprochen ... Ja, ihr seid Männer des Gesetzes und der Ehre und wir, so „autokratisiert“ wir sein mögen, wir sind Menschen . . . wie soll ich es nur ausdrücken? . . . Wir sind . . . menschliche Menschen . . .“ 5. Mai 1867. — Turgenjeff: „Ich brauche, um arbeiten zu können, den Winter und einen Frost wie wir ihn in Rußland haben, einen zusammenziehenden Frost mit kristallbesäten Bäumen . . . Aber noch besser arbeite ich im Herbst, wenn es keinen Wind gibt, nicht ein bißchen Wind . . . wenn der Boden elastisch ist und die Luft nach Wein schmeckt. . . Mein Zuhause ist ein Holzhäuschen mit einem Garten voll gelber Akazien . . . bei uns gibt es keine weißen . . . Im Herbst ist die Erde ganz besät mit Schoten, welche krachen, wenn man auf sie tritt, und die Luft ist voll von den komischen Vögeln, die allen ändern nachäffen . . . ja, Elstern meine ich . . . Und mitten in all dem ganz allein . . .“ Turgenjeff spricht den Satz nicht zu Ende, aber das feste Zusammenkrallen seiner über der Brust geballten Fäuste bringt alle Wonne und allen Rausch dieses Gehirns zum Ausdruck, das jenen kleinen Winkel im alten Rußland mit allen Fasern genießt . . . 408