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„Wissen Sie“, sagt Turgenjeff, „manchmal ist eine Wohnung von einem bei nahe unmerklichen Moschusgeruch erfüllt, den man nicht zu verscheuchen ver mag . . . Und um mich, sehen Sie . . . ist auch ein solcher Duft, aber ein Duft nach Tod . . . nach dem Nichts . . . nach Auflösung . . Und nach kurzem Schweigen fügt er hinzu: „Und die Erklärung hierfür finde ich in meiner nun schon vollkommenen Unfähigkeit zu lieben . . . Ich bin es nicht mehr imstande und das . . . nicht wahr? . . . das ist der Tod . . Da wir, Flaubert und ich, die Wichtigkeit der Liebe für Männer mit geistiger Beschäftigung in Abrede stellen, läßt er in hoffnungsloser Geste kraftlos beide Arme hcrabsinken; „Aber! Aber! Mein Leben ist getränkt von Weiblichkeit. Es gibt kein Buch und auch sonst nichts auf der Welt, das mir die Frau hätte er setzen können . . . Wie soll ich das ausdrücken? . . . Ich finde, daß einzig die Liebe das ganze Wesen des Menschen zu einer gewissen Entfaltung zu bringen vermag ... Ist es nicht so? ... Da fällt mir gleich ein Fall ein . . . Ich hatte als ganz junger Mensch eine Geliebte, eine Müllerin, unweit von Petersburg, die ich immer besuchte, wenn ich auf die Jagd ging. Sie war entzückend, ganz weiß und hatte merkwürdige Augen. Nie wollte sie etwas von mir annehmen. Aber eines Tages sagte sie: ,Sie müssen mir etwas schenken? 1 ,Was soll es denn sein? 1 fragte ich. ,Bringen Sie mir aus Petersburg eine parfümierte Seife/ Ich bringe ihr die Seife. Sie nimmt sie, verschwindet, kommt mit vor Er regung geröteten Wangen wieder und streckt mir die Hände entgegen: ,So, und jetzt küssen Sie meine Hände, so wie Sie in den Salons den Petersburger Damen die Hände küssen/ Ich sank auf die Knie . . . kein zweiter Augenblick meines Lebens ist diesem zu vergleichen . . .“ 22. März 1872. — Turgenjeff ißt mit Flaubert bei mir. Er entwirft uns die bizarre Silhouette seines Moskauer Verlegers, eines Literaturhändlers, der kaum lesen und, was das Schreiben betrifft, nur seinen Namen kritzeln kann. Er schildert uns ihn, von zwölf phantastischen, kleinen Männlein umgeben, seinen Lektoren und Ratgebern, welche 700 Kopeken jährlich beziehen. Dann beschreibt er Schriftstellertypen, mit denen verglichen unsere Bohemiens die reinen Waisenkinder sind. Er schildert einen Saufbold, der, um in der Früh sein Glas Wodka trinken zu können, für 20 Kopeken eine Straßendirne geheiratet hatte; von ihm hat Turgenjeff eine ausgezeichnete Komödie herausgegeben. Dann kommt er auf sich selbst zu sprechen und analysiert sich. ' Er erzählt, daß, wenn er traurig oder schlecht gelaunt ist, zwanzig Verse von Puschkin ihn aus seiner Erschlaffung reißen und wieder aulpulvern; sie ergreifen ihn, wie selbst die edelste, großmütigste Tat es nicht vermöchte. Einzig die Literatur ist imstande, ihm diese Aufheiterung zu schenken, und er hat dabei auch eine rein physische Empfindung, ein merkwürdig angenehmes Gefühl in den Wangen! Und wenn er zornig ist, empfindet er in Bauch und Brust eine ganz ungeheure Leere . . . 25. Jänner 1875. — Zola ist in elender Stimmung; „Ihr werdet mich ja gewiß auslachen, aber ich kann mir nicht helfen . . . Ich komme nicht darüber hinweg, daß ich nie eine Auszeichnung bekommen werde und nie Aussicht auf die Akademie habe und man mein Talent niemals würdigen wird . . . Für das Publikum werde ich immer ein Paria sein ... ja, ein Paria . . .“ Das Wort Paria wiederholt er vier- bis fünfmal. . . Worauf Turgenjeff ihn mit väterlicher Ironie ansah und ihm folgende hübsche Geschichte erzählte: „Zola . . . gelegentlich des Festes an der russischen Bot-