Volltext Seite (XML)
„xi Rudolf Großmann Der Dramatiker Rosso di San Secondo zurückgibt und seine längst festgestellte Funk tion normativ eingliedert. Die Achtung vor einer geistigen Zielsetzung wird wiederkehren, wenn auch am Theater durch seine Befugnisse der Mann bezeichnet ist, der sie zu geben hat. Es ist erstaunlich, wie vielerlei Spra chen am Theater geredet werden, ja es ist geradezu für seine Art charakteristisch, daß sich neben der ihm eigenen noch andere zu Worte melden und abwechselnd führen wollen. So die des Literaten, des Beamten oder des Pu blikums. Eine wie die andere aber machen die reine Sprache dieser Kirnst zu einem Kauderwelsch, das bald niemand mehr hören will. Man wird sich endlich dazu verstehen müssen, im Theater eine souveräne Kunstform zu sehen, und auch der dramatische Schriftsteller wird sich also bequemen müssen. Was das Thea ter aus seinem Werk macht, soll unter der Ver antwortung des Theaters geschehen, dem Autor gegenüber bleibt ja immer sein Buch als Kon trolle bestehen. Kaum je findet sich ein Dra matiker, der sich zu jener Freiheit gegenüber seinem Werk aufgeschwungen, die sein rest loses Lebendigwerden am Theater braucht. Er bleibt immer wieder an Einzelheiten hängen und ist gerade in seine schwächsten Szenen verliebt, weil sie ihn soviel Mühe kosteten und er gerade durch sie et was erreicht zu haben glaubt, das ihm fehlt. Sein Eigensinn kehrt sich dann gegen den Sinn des Theaters, und es hilft leider nicht mehr, wenn er nach der Aufführung reuig kommt und bedauert, Ratschläge nicht befolgt zu haben. Der Dichter übergibt dem Theater sein Werk, aber er schenke um Gottes Willen nicht sich mit dazu. Ein richtiger Dramaturg wird stets mit der größten Achtung über seiner Handschrift wachen, und wird es um so mehr, wenn er auch nach außen hin die Bühnenform zu verantworten hat. Andererseits ist eine Un sitte abzustellen, die sich in den letzten Jahren sehr verbreitet hat, indem Regisseure, die dem geschriebenen Wort gegenüber blutige Dilettanten waren und keinen leben digen Satz formen konnten, ganze Szenen neu schrieben, sobald sie eine eigene Verliebtheit dazu verlockte, und hemmungslos auch im Dialog auf Wirkungen hinarbeiteten, die außerhalb eines Stückes lagert. Hat der Dramaturg wirklich sein „Amt“ und ist er dafür bestellt, so wird das, was notwendig ist, nur in Zu sammenarbeit mit ihm geschehen können, und er wird das Wort unter seiner Hut behalten. Haben am Theater alle anderen dem Augenblick zu dienen und sich für ihn ganz einzusetzen, so ist es die Sache des Dramaturgen, über ihn hinaus stets weiter zudenken, was den Schauspieler anbelangt, oder die Fortwirkung des Werkes und die richtunggebenden Kräfte, die von den Zuhörern auf ihn zurückwirken. Er ist gleichsam ein Barometer, das selbst für den atmosphärischen Druck verant wortlich ist, bei den starken Spannungen des Theaters also ein sehr heikles In strument, das, wie der wirkliche, bei dauerndem schönen Wetter nicht mit Unrecht vergessen wird. 405