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unsere Religion — und doch findet heute niemand ein Wort für diese Sprache als das gegebene internationale Verständigungsmittel! Es hat einen Augenblick gegeben, da es schien, als würde zumindest bei kultivierten Menschen das Französische an die Stelle des Lateinischen treten; aber das Aufkommen eines kämpferischen Rationalismus, die rasche Aus dehnung der Neuen Welt und der Aufschwung des siegreichen Preußenstaates in den Kriegen des neunzehnten Jahrhunderts hat dies unmöglich gemacht. Es wäre besser gewesen, als das Chaos, in dem wir heute leben; aber doch nur ein ärmlicher Ersatz für das Lateinische. Übrigens ist es für das Französische ein Glück gewesen, wenn diese Ent wicklung nicht weitergeschritten ist; denn einer lokalen Sprache und der Nation, die sie spricht, kann nichts so schaden, wie eine solche Internationali sierung. Die traurigen Wirkungen eines derartigen Prozesses sind ja bereits an dem Verfall, der raschen Vulgarisierung und der Entkräftung des Eng lischen wahrzunehmen, deren Ursache in der undisziplinierten Verbreitung unserer Sprache über die verschiedenartigsten Länder zu suchen ist. Mit der Ausnahme von katholischen Priesterseminarien und einigen ver einzelten Gebieten wie Schottland ist das Lateinische seit der Reformation zu einem Privileg der wohlhabenden Klasse geworden, und heute ist es nicht einmal mehr das... Der Umstand, daß dem früher so gewesen war, hat wohl viel dazu beigetragen, das Volk gegen das Lateinische einzunehmen. Dieses Vorurteil hat eine gewisse vernünftige Begründung: wäre die Kenntnis des Lateinischen wirklich an eine kostspielige Erziehung gebunden, dann könnte sich nur eine kleine, wohlhabende Schicht den Luxus dieser Sprache leisten, und die große Masse hätte ein Recht, gegen einen Brauch zu protestieren, der sie von jeder öffentlichen Diskussion ausschlösse. Auch hat sich die ebenso begreifliche wie falsche Ansicht herausgebildet, als gäbe es bei der Erlernung des Lateinischen ganz besondere Schwierigkeiten. In Wirklichkeit ist von allen fremden Sprachen gerade die lateinische die leichteste, denn sie ist die klarste und logischste, und überdies ist eine Menge unserer Worte von ihr abgeleitet. Die moderne Maschine des zwangsweisen Unterrichtes will der Jugend eine Menge Dinge beibringen: auf das Lateinische legt sie am wenigsten Wert. Ich will zwar nun keineswegs behaupten, daß für den Mann aus dem Volke Latein wichtiger sei, als seine Muttersprache oder die einfache Buchführung; sicher aber hat es mehr Wert als die sogenannte „Naturgeschichte“. Latein ist sogar wichtiger als die elementare Geographie, denn seine allgemeine Kennt nis würde die Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Länder grundlegend verändern. Die christlichen Nationen sind heutzutage völlig voneinander abgeschnitten. Es gibt nur eine internationale Sprache, „Jiddisch“, und diese dient bloß einer relativ kleinen, abgesonderten Gruppe von Menschen. Ein Jude, der etwa in Polen Jiddisch gelernt hat, besitzt ein Medium, durch das er sich mit 402