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der ..Moral der Positivisten“. dem damals viel gelesenen Roberto Ardigö, bis zur „Geschichte der Philosophie“ des Fiorentino, von Victor Hugos „Miserables" bis zu Manzonis Gedichten erstreckte. Besonders im Sommer war Arnaldo der Gefährte meiner Spiele und Abenteuer. Im Winter wars kalt in unserm verräucherten Hause, und nur der Schnee brachte uns ein wenig Vergnügen. Das Elend um uns herum war groß. Man borgte Brot, öl, Salz. Wenn die Tagelöhner Arbeit hatten, ver dienten sie den ganzen Tag 28 Soldi. Ein Ereignis hat sich meinem Gedächt nis unauslöschlich eingeprägt, und oft habe ich später Arnaldo daran erinnert: das war die Abreise der Auswanderer nach Brasilien. Aus Varano ging Matteo Pompignoli hinüber. Abschiedsszenen voll Tränen und Rührung. Ich weiß noch, wie abends die Abreisenden über die durch Petroleumlampen spärlich erhellten Treppen hinunterstiegen, die Schultern von schweren Säcken gebeugt, und die Verwandten sich über das Geländer beugten und ihnen ihr Ade zuriefen. Die wenigsten kamen wieder. Viele sind auf den Fazenden von Minas Geraes gestorben. Der Sommer war unsere Zeit. War die Schule geschlossen, so wurde ihre Aula für meine Mutter ausgeräumt, um das von der Maschine aus gedroschene Korn aufzunehmen, der Maschine, die mein Vater als erster ge kauft hatte. Wir gingen auf die Jagd nach Nestern und Obst. Wir spähten in die Zweige nach der ersten reifen Frucht. Der Fluß war unser liebstes Ziel. Damals schon zeigte Arnaldo sein Temperament. Er war unendlich viel ruhiger als ich, auch gütiger. Während meine Spiele mit den Kameraden häufig in wütende Kämpfe ausarteten, erinnere ich mich nicht daran, daß er jemals einen Zank angestiftet hätte. Er hielt mich zurück, beriet mich, half mir dann, mich wieder in Ordnung zu bringen, damit ich vor dem Vater er scheinen konnte, ohne eine zu erwischen. Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich den Fluß wieder, die Straße, die Hütten, den Turm von San Cassiano, meine Spielgefährten, den Hohlweg, der von der Provinzialstraße nach '\ arano hinaufstieg, die Ährenleserinnen im Sommer und die endlosen Briscolapartien im Winter in Cireneos Stall, die nur unterbrochen wurden, wenn die Zeitungen mit Bildern aus dem afrikanischen Krieg ankamen. Mit meinen Kindheitserinnerungen sind die Namen Macalle, Toselli, Taitu. Amba-Alagi, Major Galliani eng verknüpft. Damals sang man: 0 Baidissera (0 Baidissera, Non ti fidar di quella gente nera! Trau du dm schwarzm Leiden nicht! 0 Menelieche 0 Menelik! Le palle son di piombo e non pasticche! Die Kugeln sind aus Blei und keine Drops!) Arnaldo und ich sangen diese Lieder. Wir hatten beide eine große Vor liebe für Musik. Wir tanzten auch gern. Und die Mädchen unseres Alters gefielen uns, und oft begleiteten wir sie von den ländlichen Kirchweihfesten unserer Pfarreien nach Hause zurück; aber auch auf diesem Gebiet hatte Arnaldo nichts von meinem Draufgängertum: er war schüchterner und zarter. Noch erinnert man sich in Predappio Vecchia seiner großen und reinen Jüng lingsleidenschaft für ein Mädchen, das an der Schwindsucht starb. Arnaldo litt ungeheuer darunter. An dem Tag, als man die Pia im langen Zug weiß gekleideter Jungfrauen zu Grabe trug, sah man Arnaldo auf den Höhen umherstreifen, bei den Hütten von Palatero und der Sode, weinend und ver zweifelt, als hätte sein Leben plötzlich jeden Sinn verloren. Heute noch erinnern sich Frauen in Predappio Vecchia mit Rührung daran. (Erste deutsche Übertragung von Else Hadwiger.) 396