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erfüllte die Luft und unsere nicht mehr ganz unwissenden Kinderseelen mit Trauer und Todesklage. Als wir ein paar Tage später nach Hause zurück- kehrten, war die Großmutter nicht mehr da. Arnaldo war damals elf Jahre alt. Am 11. Januar 1885 geboren, zwei Jahre nach mir, hatte er nicht von der Mutter gestillt werden können, die noch von meiner Geburt her erschöpft war, und man hatte ihn zu einer Bäuerin bei den Gaiani in Pflege gegeben, einen Kilometer vor Meldola, rechts, wenn man nach Forli hinuntergeht. Das Bauernhaus steht noch, aber es wohnt nicht mehr die gleiche Familie dort, die durch unsern mütterlichen Großvater entfernt mit uns verwandt war. Dieses Haus der Gaiani spielt eine wichtige Rolle in unserer Kindheitsgeschichte, in Arnaldos ebenso wie in meiner. Er brachte dort mehrere Jahre zu und besuchte die Elementarschule in Meldola. Von da an gingen wir jedes Jahr am letzten Augustsonntag, wenn in Meldola der berühmte Jahrmarkt der Madonna del Popolo stattfindet, „in die Verwandtschaft“, wie man in der Romagna sagt; das heißt, wir waren einen oder zwei Tage bei den Gaiani zu Gast. Manchmal kam auch die Mutter mit, aber meist gingen wir allein und zu Fuß hinüber. Wir gingen in den ersten Vormittagsstunden des Samstags, schon sonn täglich gekleidet, von Dovia weg (ich erinnere mich, daß die Schneider im Hause der Kundschaft arbeiteten) und stiegen rasch durdi noch bestehende Richtwege den Bergrücken empor, der von der Rocca delle Camminate be herrscht wird; dort hielten wir immer an, um den Ausblick über die Ebene zu genießen, und stiegen dann auf der Landstraße nach Meldola hinunter, wo der alte Felsen auf uns stets einen tiefen Eindruck machte. Bei den Gaiani wurden wir besonders herzlich von den Söhnen, unsern entfernten Vettern, empfangen, und mit ihnen streiften wir durch die Felder, um listig die ersten reifen Traben zu stibitzen. Am nächsten Tag, dem Sonntag, gingen wir alle miteinander zur Messe in die Madonnenkirche. Dort spielte die Stadtkapelle. Ich erinnere mich noch deutlich einer Symphonie von Rossini. Um elf Uhr wanderten wir durch die Straßen voller Bewegung und Lärm und durchweht von den Wellen der Küchendüfte aus den zahlreichen offenen Garküchen und im Freien impro visierten Herde, zum Jahrmarkt jenseits des Kanals, wo Dutzende von Paaren im Freien tanzten. Manchmal bestand das ganze Orchester nur aus einer einzigen Harmonika, aber mitunter, wenn die Ernte gut gewesen war, erfreuten die berühmtesten Orchester der Romagna Herzen und Beine: so die Zangheri aus Meldola, mit ihrer berühmten Klarinette, der Zaclen von Cesena und der Blinde von Terrabusa, die beiden letzten Geiger von großem Ruf. Um Mittag begab man sich über die staubige Landstraße (der Asphalt war damals dort noch unbekannt) zu Tische, der mit Speisen und Wein reidi besetzt war. Um vier Uhr gings wieder in die Stadt zum aufregendsten Er eignis des Tages: dem Pferderennen von der Trambahnstation (die übliche elektrische Trambahn, die heute durch einen Autobus ersetzt ist) zum Hügel von Praticello, das heißt also, den ganzen Korso entlang. Idi erinnere mich noch an das Geschrei der Menge, die den Pferden erst auswich, wenn sie auf wenige Meter herangekommen waren, und wie ich mich darüber wun derte! Ich sehe noch die Funken unter ihren Hufen aus dem Pflaster stieben und die triumphale Heimkehr des siegreidien Jockeis. Von da an bis zum Aveläuten Tanz und Wein und Gesang. Aber am Abend war das Feuerwerk ■ der stärkste Anziehungspunkt fiir mich und meine Begeisterung. Das Feuerwerkgerüst war auf dem Hauptplatz 394