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antwortung für das Ganze, im Gegensatz zum Grübler, der Verantwortung ohne Macht sucht. Er überzeugt nicht, er hypnotisiert und suggeriert eine Augenblicks schöpfung. Er überspannt mit dem rhetorischen Moment die gleisnerische Zu tunlichkeit an die Masse und Nachgiebigkeit gegen sie. Der große Staatsmann, Cäsar, Napoleon, Friedrich der Große, Bismarck, war überall und imm er — i m Gegensatz zum „Massenschmeichler“ — Massenverächter. Vertrauen zum Volke und zum Menschen soll der schöpferische Staatsmann haben („der Mensch ist böse“ ist nur eine konservative Theorie). Friedrich der Große und Bismarck hatten zu wenig davon; sie steigerten die Massenverachtung zur Menschen verachtung. Freiherr vom Stein dagegen ist unser Vorbild. Massenverachtung und dieses Vertrauen, diese Liebe können zusammen bestehen. Die Masse ist Augenblicksgeschöpf, launisch wie ein nervöses Weib, wankend, leicht gewonnen, leicht verloren. Die Stete und Festigkeit des Willens gegenüber der Massenerregung ist dem echten Staatsmann wesentlich; auch die öffentliche Meinung ist ein Faktor — er wird mit allen „rechnen“, aber nicht sich ihnen hingeben. Unmittelbares, positives und allgemeines Ziel des staatsmännischen Wollens ist nur seines eigenen Staates Steigerung und Wohl; freilich unter mitverantwort licher, strengster Beachtung der Solidarität des Kulturkreises und der Welt, aber als Grenze, nicht als positiver Zielinhalt. Es ist Unsinn, daß der Staats mann für das „Weltbeste“ zu sorgen habe. Dies ist nicht „ethisch“, altruistisch, sondern Anmaßung oder leere Phrase. Das Weltbeste ist Gottessache, Sache des Heiligen, Sache der Kirche, nicht einmal Sache des Genius, der an sein Werk denkt. Der Kirche ist die Idee der Einheit wesentlich, und auch für die geistige Kultur gibt es die Einheit der kosmopolitischen Bildung aus Teüen. Staaten aber sind wesentlich eine Vielheit. Wir hören im gemeinsamen Gegensatz zu deutschen, französischen und italienischen Staatsmännern diese Rede vom „Weltbesten“ off von englischen Staatsmännern und Theoretikern. Aber aus drei Gründen: es ist erstens der älteste politische Grundsatz Englands, daß Englands Interesse mit dem Weltinteresse Zusammenfalle; es liegt zweitens in der Internationalität des Imperiums, im englischen Pazifismus des „beatus possidens“; und es ist drittens die Theorie des Liberalismus und der Freihändler. An sich ist diese Lehre vom Weltbesten falsch; sie ist nur die politische Ideologie Englands. Die Solidarität des Kulturkreises und der Welt ist andererseits eine strenge Grenze alles „heiligen Egoismus“. Wird diese Einschränkung fortgelassen, so ergibt sich die rein individualistische Staatsauffassung des modernen absoluten Staates mit ihrem Korrelat, der Souveränitäts- und Gleichgewichtslehre. Jeder Staat hat hiernach endlos seine Macht auszudehnen — bis er auf Schranken stößt. Die Solidarität der Menschheit ist aber als religiös-sittliches Prinzip der Gegen seitigkeit aller moralischen Akte vor aller staatlichen Partikularisierung. Bismarcks Wort: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst niemand auf der Welt“ ist einseitig und mißverständlich. Auch die Träger der religiösen, sittlichen, höchsten Autorität in der Welt sind etwas, vor denen sich der Staatsmann verantwortlich fühlen soll, nicht nur vor „Gewissen und Gott“ — das wäre ein einseitiger protestantischer Standpunkt. Und auch das „Urteil der Geschichte“ und der Menschheit ist zu achten. Nur die Lehre, der Staatsmann solle sich unmittelbar und positiv das Weltbeste zum Ziele nehmen, ist unsinnig. Er soll nichts tun, was gegen die erkannte Solidarität seines Kulturkreises und der Menschheit verstößt. Am: Schriften aus dem Nachlaß von Max Scheler (Der Neue Geist Verlag, Berlin) 392