Volltext Seite (XML)
Wirtschaft, Einheitslosigkeit der Politik. Eher sind die großen überschauenden Dilettanten gute Staatsmänner; in England und Frankreich ist z.B. selten ein Fachmann Eiriegsminister. Das Kapitel Wirtschaftsführer und Staatsmann ist für uns Deutsche von besonderem Belang. Hat sich doch in keinem anderen Lande der Welt eine so starke Durchdringung der Wirtschaftsmächte und des Staates seit Bismarcks Ab gang angebahnt wie bei uns. Durch die Kriegswirtschaft wurde diese Erscheinung noch beispiellos gesteigert, im äußersten Gegensatz zur Bismarckschen Tradition, wo erstes Fundamentalprinzip: „Mundhalten der Wirtschaftsmächte“ war. Im Unterschied zum Wirtschaftsführer hat der Staatsmann den Grundsatz des Pri mates der Politik vor der Wirtschaft und die Unabhängigkeit der hohen Politik von den Interessen der großen Wirtschaftsverbände zu vertreten. Wirtschaftsführer ist, wer hinaus über wirtschaftliche Bedürfnisdeckung neue Wege, Formen der Wirtschaft findet und durch Produktion neue Bedürfnisse erweckt. Der große Wirtschaftsführer, die „Unternehmernatur“, ist, im Unterschiede zum Bourgeois, im Zeitalter des Kapitalismus nie „Hedonist“, nie „Egoist“ 1 . Er ist eine große Energie, die sich im Mehrerwerben auswirken will, in der Kontrolle der Wirt schaft Macht, aber nicht Herrschaft sucht. Von ihm sagt Marx, daß „er erst Ernst mache mit dem Evangelium der Entsagung, da er den Goldfetisch mehr liebe als seine Fleischeslust“. Das ist einseitig: es besteht der Unterschied von Industriellem, Techniker und Kaufmann, der im Zeitalter des Finanzkapitalismus nur mehr finan ziert und an keine Sache mehr gebunden ist; der Industrielle aber ist der Sache, dem Werk hingegeben, wie ein Stratege auf lange Sichten arbeitend. Aber der Wirtschaftsführer denkt notwendig privat wirtschaftlich, nicht volks wirtschaftlich. Er ist ferner gerade, wenn er ganz groß ist in seiner Leistung, stets fachlich eingeengt. Er ist auch selten Psychologe, noch seltener fähig, sich in andere Völker und ihre Führer einzufühlen. Er wird aber vor allem stets die Wirtschaftsfragen auch in der hohen Politik an die erste Stelle rücken und ist in ihnen unausweichlich „Interessent“. Das sind die wichtigsten Gründe, die den Wirtschaftsführer zum Staatsmann ungeeignet machen. Fruchtbarstes und Aus gezeichnetstes wird er in der Unterordnung unter eine selbständige politische Regierung und ein politisches Parlament, das vom Vertrauen des ganzen Volkes getragen ist, leisten können, besonders wo ökonomische Aufgaben so im Vorder gründe stehen. Das zeigte sich in Rußland, wo es Lenin dämonisch unheimlich verstand, die großen wirtschaftlichen Fachmänner, ja englisches Großkapital in den Dienst seiner antikapitalistischen, kommunistischen Politik zu stellen. Bei uns ist es leider bisher unmöglich gewesen, die Wirtschaft in den Dienst der Politik zu stellen. Daher die unsystematische „Weltpolitik“ im Dienste bald dieser, bald jener Kapitalinteressen. Eine Überwindung des „Klassenkampfes“ ist auch nur bei Staatsmännern möglich, die nicht Wirtschaftsführer sind. Eine besondere Gefahr besteht in der Verwechslung des Staatsmannes mit dem Demagogen, dem Scheinbild des Staatsmannes. Gewiß soll der Staatsmann heute in einer parlamentarischen Republik auch ein großer Demagoge sein — aber untergeordnet seinem staatskünstlerischen, plastischen Schöpfungsdurst. Beides vereinigt findet sich selten: sachlich reden und demagogisch, um Vertrauen und Liebe zu gewinnen. Der reine Demagoge — Kleon im Unterschied zu Perikies — ist der Mann der Eitelkeit, der Rhetorik. Er ist nicht der „Führer“, sondern der „Geführte“, d. h. der sich hinstellt, wo er eine sogenannte „Entwicklungs richtung“ seiner Partei oder der Masse wahrnimmt. Er sucht Macht ohne Ver- 1 S. Werner Sombart: „Der Bourgeois“; ferner Max Weber, Walter Rathenau. 391