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wegs so vage wie bei den ändern. Sie erleben, was die ändern träumen. Worin sonst sollte wohl der Unterschied liegen? Die Welt war zu allen Zeiten voll von Heilanden, und doch gibt es nur einen Heiland, weil es nur einen gab, der diese Dinge nicht träumte, sondern erlebte. Ihr Hauptmerkmal aber ist dies: ihr Idealismus hat ein größeres Objekt. Sie sind gewissermaßen abstrakter als die ändern Idealisten. Wir Alltagsmenschen haben ein Privatherz für die Base, den Bruder, die Braut, den Kanarienvogel. Aber das wahre Genie mag nichts von diesen Privatdingen wissen. Es kennt nur einen Gegenstand zärtlicher Neigung: die Evolution der Menschheit. Daher kommt es, daß kurzsichtige Menschen immer wieder behaupten können, zwischen den Biographen der großen Genies und dem, was diese Genies gelehrt haben, bestehe kein Einklang. Sie sagen: diese sogenannten großen Männer waren im Grunde die größten Egoisten; sie haben ein paar schöne Kunstwerke geschaffen oder ein paar große Schlachten geschlagen, aber gute Menschen waren sie nicht. Aber dem Genie ist die Menschheit wichtiger als die Menschen. Kein Einzel wesen vermag seine Liebe auszufüllen. Was kann ihm eine Gattin oder ein Sohn bedeuten? Aber gerade dadurch zeigt es, daß sein Idealismus dem aller ändern Menschen ungeheuer überlegen ist. Welchen ändern Sinn könnte das Wort Jesu haben: „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Das ist nicht Askese und Weltflucht: das ist ein Wort der höchsten, der tätigsten Nächstenliebe, die nicht beim Nachbarhaus haltmacht, sondern den Planeten umspannt. Und damit kommen wir zur Wurzel aller' Genialität. Die geheimnisvolle Kraft, die dem Genie und nur dem Genie eigen ist, erklärt sich aus einer einfachen Tatsache. Es hat nämlich das größte Herz. Es hat mehr Herz als alle ändern Menschen zusammengenommen. Darum haben seine Worte die Wirkung eines Orakels. Darum weiß es auch an jedem Ding eine neue Eigenschaft zu erblicken. Denn die Dinge pflegen sich vor einem allzustrengen Blick zurückzuziehen und zu verschließen, gleich den Schulkindern, aus denen auch mit Kälte und Schärfe selten etwas herauszubekommen ist. Das Genie folgt in seiner Methode der Natur, die ihre harten Mittel nur verwendet, wenn sie vernichten will, und alle Entwicklung durch Güte fördert: durch erfrischenden Regen, saftiges Erdreich und Sonnen licht. Der Wärme des Dichters öffnen sich alle Dinge. Ein Dichter ist ein Mensch, der überall Vortrefflichkeiten sieht. Er hat die Gabe, im Schlechten das Gute zu finden. Entweder entdeckt er es unter einem Überzug von Lüge, Unfähigkeit und Beschränktheit, oder er trägt es ganz ein fach in die Menschen und Dinge hinein. Andre machen Abstriche und Reduktionen. Aber der Dichter setzt hinzu und vermehrt, und wenn die Dinge durch seinen Kopf und sein Herz hindurchgegangen sind, so kommen sie reicher wieder ans Tageslicht, als sie jemals vorher gewesen sind. Daher sind die Dichter die großen Entdecker und Umwerter. Ihr Blick verwandelt. Unsre Gehirntätigkeit macht uns nicht zu Individuen; im Gegenteil: sie ist es, die uns zu Gattungswesen macht. Unser Gehirn ist eine uralte Sache; wir können uns gar nicht vorstellen, daß es jemals jung war. Dagegen unser Herz ist eine Sache, die sich immer erneuert und niemals wiederholt. Nur die Taten und Augenblicke der Liebe machen uns zu Individuen: in allem ändern sind wir Gattung. Die Taten und Augenblicke der Liebe sind bei allen Menschen gleich und bei allen Menschen verschieden. Ihre Geschichte ist unsre Geschichte. Das Herz ist die Quelle der Originalität. 384