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meist ihre ängstliche Unsicherheit durch ein besonders dreistes und aggressives Wesen zu verhüllen, aber ihre Dreistigkeit ist die eines Schauspielers, der aus Lampenfieber übertrieben lebhafte Bewegungen macht. Sie sind häßlich. Schon ihre Gesichter haben einen sonderbar gespannten, verzerrten Ausdruck. Sie sind unglücklich. Weil sie sich keiner Stunde voll hin geben können, darum gehört auch keine Stunde ihnen. Sie sind krank. Sie sind Mißbildungen, pathologische Probleme. Sie sind lächerlich. Sie sind verzeichnet, krumm, Karikaturen der Natur. Sie sind unbedeutend. Sie sagen und denken nie etwas von Belang, weil sie selbst nicht von Belang sind. Weil sie nicht unter der Herrschaft einer Idee stehen, darum sind sie ohne Balance und innere Selbstregulierung. Sie haben sich ganz auf sich selbst und die ohnmächtigen Kräfte ihres kleinen Einzelorganismus gestellt, statt die gesamten Kräfte des Weltalls zu Hilfe zu rufen, was jeder Idealist tut. Daher kann man sagen: sie sind vor allem dumm. Sie sind Lebensanalphabeten. Sie sind Dilet tanten. Sie sind ihr ganzes Dasein lang in irgendwelchen plumpen Versuchen befangen, die sie Macht oder Reichtum nennen, und daher Zeit ihres Lebens grenzenlos borniert, und sie sterben, ohne den Sinn des Lebens erkannt zu haben. Sie verstehen die Menschen nicht, denn sie haben keine Brücken zu ihnen. Sie verstehen die Natur nicht, denn sie wissen nicht, daß die Natur idealistisch ist. In der Tat besteht ein bestimmtes Wechsel Verhältnis zwischen Güte und Intelligenz. Dies zeigt sich schon im Tierreich. Die intelligentesten Tiere — Ele fanten und Hunde — sind auch die gutmütigsten, und die Bosheit des Affen ist mehr sprichwörtlich als wahr, denn sie ist nichts andres als Spieltrieb und Humor, eine Eigenschaft, die stets Güte voraussetzt. Und was die Menschen betrifft, so gibt es sicher eine bestimmte Stufe der Intelligenz, auf der es schlechthin nicht mehr möglich ist, anders als gut zu sein. Dabei darf man freilich nicht an Senti mentalität denken. Sentimentalität und Güte sind Gegensätze. Das hat nie mand deutlicher bewiesen als Nietzsche. Ebenso wie Intelligenz und Güte sind auch Dummheit und Bösartigkeit bis zu einem gewissen Grade korrespondierende Erscheinungen. Die sprichwört liche Doppeleigenschaft „dumm und gutmütig“ ist in der Wirklichkeit selten. Aus gesprochen dumme Menschen sind niemals wirklich gutmütig. Wie wäre das auch möglich? Sie sehen viel zu wenig Beziehungen, als daß sie liebevoll und gütig sein könnten. Sie sind zu blind und beschränkt, um das Recht im Unrecht zu erkennen und daher ändern Menschen Geltung einzuräumen. Auch sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigene Dummheit möglichst ungefährdet durchs Leben zu lotsen, als daß sie die Zeit fänden, sich um andre zu bekümmern. ★ In der Gruppe der „Guten“ nehmen die Dichter eine Art Sonderstellung ein. Und zwar tun sie das durch zweierlei. Zunächst: sie haben die Gabe des Realisierens. In den übrigen Menschen ihres Schlages schlafen die Dichtungen einen tiefen, ewigen Schlaf, den kein noch so lauter Weckruf von draußen erwecken kann. Auch die ändern sind Dichter, aber stumme, hilflose Dichter, Dichter ohne Organe. Diese wenigen Ausnahmenaturen aber haben die erstaunliche, ja paradoxe Fähigkeit, Dichtungen in Taten umzusetzen, Phantasien zu Körpern zu verdichten. Sie sind die großen Verwirklicher und Umsetzer. Sie sind vielleicht die einzigen positiven Größen in einer Welt, in der alles vorgestellt und relativ ist. Sie sind ein Art Zauberer. Auch sind die Vorstellungen bei ihnen keines- 383