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Zeichner oder Ingenieur. Er tat dies in so kameradschaftlichem, ja kollegialem Ton, daß die Angeredeten völlig unbefangen antworteten und seine kleinen Bon mots mit zufriedenem Grinsen aufnahmen. Aus der Ecke der Halle, der wir uns näherten, erklangen lustige Altwiener Walzerweisen, ich glaube es war sogar die „Schöne blaue Donau“, das Lieblingslied des alten Herrn, wie er mir später anvertraute. Wir gelangten an eine Wand, die einen recht erheblichen Raum von der übrigen Halle abtrennte, und als wir durch eine kleine Tür eintraten, sagte Mr. Ford: „Sehen Sie, junger Freund, das ist mein Tanzsaal, und dort sitzt meine Kapelle.“ Ich mußte tatsächlich nach Luft schnappen. Man fährt ein paar tausend Kilometer über den Ozean, noch weitere 1500 Kilometer in den amerikanischen Kontinent hinein zum Automobilkönig Ford, in dem Wahn, daß man die Essenz der Automobil-Idee an ihrem würdigsten und mächtigsten Vertreter erschauen und bewundern wird — und dann zeigt einem der alte Ford zuallererst eine „Schrammelkapelle“, die ebenso gut irgendwo in Grinzing hätte sitzen können? Ich wußte immer noch nicht, ob das nur ein Traum war, und Heurigen hatte es doch beim Mittagessen gar nicht gegeben; der Tee, den man als Geschenk der hochwohllöblichen Prohibition bereits zur Suppe hatte herunterwürgen müssen, konnte doch unmöglich die Ursache dieser Vision sein. Der Sicherheit halber ging ich zum Podium, wo sich Mr. Ford bereits unter die Musiker gesetzt hatte und gemütlich mit ihnen plauderte. Beim Podium an gelangt, stellte mich Mr. Ford jedem einzelnen seiner Musiker vor. Da war zu nächst ein kleiner brauner Zigeuner, der auf seinem Cembalo herumklöppelte und mehr herumhüpfte als saß. Dann kamen zwei noch braunere Hawaianer an die Reihe, die mit Gitarren ausgerüstet waren, schließlich wurde ich mit drei weißen Musikern, dem ersten und zweiten Geiger und dem Bassisten bekannt gemacht. Dann sprang der alte Herr mit einem großen Satz vom Podium herunter und rief lustig tänzelnd: „Let’s go boys!” (Nun man los, Kinder). Die Kapelle spielte wieder einen lustigen Walzer, und Mr. Ford drehte sich ganz allein mit Windeseile in graziösen Kreisen, als ob er sich sein ganzes Leben lang nur mit Tanzen abgegeben hätte. Nach einiger Zeit rief er der Musik zu, sie möchte auf hören und fragte mich plötzlich: „Do you know oldfashioned dances?“ (Kennen Sie altertümliche Tänze?) Ich mußte verneinen, worauf er antwortete: „Das macht nichts, denn das können Sie leicht lernen. Dort kommt mein Tanzmeister mit seiner Frau, da können Sie gleich einmal ein paar Schritte ausprobieren.“ Mir wurde noch selt samer zumute. Doch ich wollte mich über nichts mehr wundern und war auf alles gefaßt. Mr. Ford stellte mich dem Tanzlehrerpaar vor, zwei würdig aus sehenden Leuten in etwas vorgeschrittenem Alter. Dann begann meine erste Tanzstunde in Amerika, unter der Aufsicht des alten Ford. Die oldfashioned dances bestanden in der Hauptsache aus Quadrillen und Lanciers, die in Karrees zu je vier Paaren getanzt werden. Dann kamen noch verschiedene andere, mir völlig unbekannte, aber recht komplizierte Tänze an die Reihe, die paarweise getanzt werden, wie z. B. die „Varchovienne“ und der „Fivestep“, bei denen es darauf ankommt, dauernd eine möglichst graziöse Haltung einzunehmen und der Musik mit jedem Schritt genau zu folgen. Nachdem man mich eine halbe Stunde lang bearbeitet hatte, wobei Mr. Ford viele Schritte persönlich erklärte und auch neue Pas suggerierte, füllte sich der Saal plötzlich mit einer mindestens hundertköpfigen Schar von Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren. Herr Ford, der zusehends aufgeräumter wurde, sagte