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Unterdessen hauen verschiedene andere Herren am Tische Platz genommen. Zum Schluß kam noch Mr. Edsel Ford, Henry Fords einziger Sohn und Erbe, der seit Jahren das Amt des Präsidenten der Ford-Motor-Company versieht. Der junge Ford, der dem Vater in vielem ähnlich sah, obgleich er dunkles Haar und sehr warme braune Augen hatte, machte einen vielleicht um eine Nuance weicheren und weltmännischeren Eindruck. Aber wie der Alte besaß er einen unbezwinglichen Scharm, der sofort für ihn einnahm. Das Gespräch war lebhaft. Man unterhielt sich in vier Sprachen, denn die Direktoren der englischen, französischen und spanischen Ford-Organisationen waren anwesend. Auch ein Mr. Ford befreundeter Architekt fand sich ein sowie der Generalsekretär, der, obgleich schon in der dritten Generation, Amerikaner rein deutschen Blutes ist und ein völlig fließendes Deutsch sprach. Das einfache, aber schmackhafte Mahl, das von zwei freundlichen alten Negern serviert wurde, dauerte ungefähr eine Stunde. Obgleich die Konversation mit Mr. Ford meine Hauptaufmerksamkeit in Anspruch nahm — es war nicht immer ganz leicht, dem alten Herrn zu folgen, da er sehr gern und oft das Thema wechselte und eine Unmenge interessanter Fragen stellte — so blieb mir doch genug Zeit dazu, mich an der Tafel umzuschauen. An diesem Tisch saßen Männer, kaum ein Dutzend an der Zahl, die über Hunderttausende von Menschenschicksalen entschieden, von deren Machtspruch die Entstehung und die Verteilung von Werten in Mil liardenhöhe abhing und die auf der Klaviatur dieses Riesenapparats spielen durften, der wie eine ungeheure Spinne über unsere ganze Erde bis in die entlegensten Winkel seine Netze gesponnen hat. Den verschiedenen Ford-Gewaltigen, die sich fast alle aus den Reihen der Arbeiterschaft emporgearbeitet hatten, konnte man ihre Befriedigung über ihre großen Machtvollkommenheiten auf den energischen Gesichtern ablesen, und sie konnten beim Sprechen eine gewisse Würde und Wichtig keit im Ton nicht immer unterdrücken. Nur zwei Teilnehmer an diesem für mich so denkwürdigen Essen in Dearborn gaben sich so, als wenn sie überhaupt nichts zu sagen hätten: Ford Vater und Sohn. Beide legten eine geradezu beschämende Bescheidenheit, ja man möchte fast sagen: Schüchternheit, an den Tag, ein herr licher Zug, den man so oft bei wirklich großen Menschen findet. Beide zierlich gebaut, schlank und gelenkig, beide leise sprechend und aus sprühenden Augen fröhlich blickend. Daß es eigentlich diese beiden Männer waren, für die die anderen einfach Angestelltendienste versahen, wenn sie auch Gehälter in schwindelnder Höhe bezogen, daß nur vom Willen dieser zwei jede einzelne Entscheidung, auch die kleinste, letztlich abhing, dieser Gedanke konnte beim Außenstehenden nur schwer aufkommen. Die Tafel wurde aufgehoben. Die übrigen Herren verabschiedeten sich, um sich wieder in ihre verschiedenen Büros zurückzuziehen. Mr. Ford nahm mich freundschaftlich unter seinen Arm und sagte dabei: „Jetzt werde ich Ihnen mein Orchester zeigen.“ Etwas verdutzt über diese plötzliche Eröffnung fragte ich Herrn Ford, ob er sich denn auch für Jazzmusik interessiere, denn etwas anderes konnte man doch bei einem amerikanischen Automobilindustriellen kaum er warten. Hierauf entgegnete Mr. Ford lächelnd: „Sie meinen wohl, daß wir Ameri kaner nur den Jazz gelten lassen. Das trifft zwar auf viele von uns zu, aber ich persönlich kann mich nun gar nicht für diese Musik begeistern. Aber kommen Sie nur mit, Sie werden ja mein Orchester gleich zu sehen bekommen.“ Wir kamen wieder in die riesige Halle mit den vielen Zeichentischen und gingen dieses Mal bis an das gegenüberliegende Ende. Von Zeit zu Zeit blieb Mr. Ford an einem der Tische stehen und plauderte ein Weilchen mit einem 376