Volltext Seite (XML)
kannte, sah wohl mehr die materialistisch eingestellte Seite seiner Persönlichkeit, übersah sein metaphysisches Seelen ventil, das er in einem kleinen Versuchs- räumchen seines großen, schönen Hauses sich fast ängstlich aufgespart hatte. Uneingeweihten war es eine Art ritter romantischen Spukwinkels, in dem die Sitzungen mit seinem damaligen Me dium Willi abgehalten wurden und zu denen er mit einem wahren Bekehrungs eifer Gelehrte und Schriftsteller wie Bleuler aus Zürich und Triesch aus Leipzig, Thomas Mann und viele andere von Namen herbeizuziehen und von der Echtheit der Phänomene zu überzeugen suchte. Bedingung für die Teilnahme war, daß man ihm nach der Sitzung ein ausführliches Protokoll schickte von dem, was man gesehen hatte, wobei er sehr empfindlich war, wenn man sich irgendeine Hintertür aufließ oder gar einen skeptischen Ton anschlug. Er war als Nervenarzt lange Zeit der einzige deutsche Bearbeiter dieses For schungsgebietes und hatte zuerst fast alleinstehend, verlästert, als unwissen schaftlich, inexakt oder leichtgläubig angegriffen, mit großer Hingabe sein Ziel weiter verfolgt. Nach außen hin schien er rein empirisch eingestellt. Seine intimeren Bekannten behaupteten aber, er sei überzeugter Spiritist. In immer neuen Versuchen und Sitzungen suchte er die mediumistischen Phäno mene, mechanische oder physikalische Fernwirkung des Mediums auf Gegen stände experimentell festzustellen. Nur um Versuche handelte es sich bei ihm, wie er sagte, zu Theorien reichte die Fülle des für ihn gesicherten Materials noch nicht. Sein berühmtes Medium Willi Schnei der war in trancelosem Privatzustand ein eher schlauer, pfiffiger, dabei schüch terner und zurückhaltender junger Mann, und nur die sonderbare Art seines Blickes — er sah, mit seinen ausein anderirrenden Augen, gewissermaßen sich selbst über die Schultern — ließ vermuten, daß er in normalem Dasein etwas von den untermenschlichen Ge schehnissen dumpf spürte, deren Träger er war. Krall: Eigentlich Geschäftsmann, ein Sonderling, nüchtern und abweisend, hatte sich schon früher auf seinen Pferdeteil, seinen klugen Hans, zurück gezogen, mit dem er experimentierte. Von diesen früheren, langjährigen Ar beiten und Resultaten hat er in seinen Schriften berichtet. Charakteristisch für Münchens parapsychischen Magnetismus jener Zeit war es, daß auch er, vom Rheinland kommend, am Südrande Münchens hängen blieb und sich dort eine wissenschaftliche Heimstätte baute von solchem Ausmaß, daß sie den kleinen Spukwinkel Schrenck-Notzings in den Schatten stellte und die Sitzun gen zum Schlüsse bei ihm stattfanden. Wie ein urheidnisches Erbaufdämmem seines westfälischen Blutes brachte er den in Spiritus konservierten Schädel von Hans I., dem klugen Pferd, nach Süddeutschland mit, der den Besucher beim Eintreten in das Haus Kralls wie ein magischer Fetisch begrüßte; nur mit tiefer Rührung konnte er an ihn denken. Von dessen Klugheit gab er bei Leb zeiten die erstaunlichsten Proben. Ein mal erzählte er, wie er den Jüngling Hans zum erstenmal zum Decken brachte, und wie er ihn danach gefragt habe, was passiert sei. Dieser habe ihm durch die bekannten Klopfzeichen mit dem Huf kurz und bündig geantwortet: ,,Habe Ehre verlorenV Das schallende Gelächter, in das wir ausbrachen, hat den Pferdefanatiker nicht weiter ver letzt. Auf dem Münchner Spukboden ge diehen die Magier, Hellseher, Handleser und Charakterologen. In dem unbe kümmerten München, in dem jeder trei ben konnte, was er wollte, sahen diese Käuze oft merkwürdig genug aus. Die weisen Magier trugen lange, Vertrauen erweckende Bärte. Ihre Stimmen, die meist durch Kröpfe behindert waren, knödelten tief und undeutlich wie aus dem Jenseits. Die Charakterologen hatten übertrieben stark eigensinnige Unterlippen und leicht imbezill-infan tilen Ausdruck. Die Spiritisten waren schon damals aus der Mode, sie hatten ihren Geist im Wesenlosen nicht allzu lange halten können und ihn zu oft und zu kraß in naiv-kindlichen Symbolen immer wieder materialisiert. Rudolf Großmann 890