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1 und die mühsam von den Wärtern niedergerungen werden, kehren wieder. Zwischen diesem behexten Volk steht der Meister mit seinen siebzig Jahren, wie ein gutmütiger Bäckermeister, was Robustes aus seiner Feldwebelzeit in den alten Knochen. Er hält sie im Zaum und weiß die Geister, die immer wieder in sie fahren, mit herrischer Geste zu vertreiben. Er allein steht während der ganzen Andacht, die diese Ekstasen auslöst. Der Raum ist gesteckt voll. Vor den Andächtigen ein langer Tisch, darauf eine Bibel und ein Kruzifix. Daneben ein Podium mit Musikkapelle, die Choräle into niert. Der Meister tritt vor, stützt sich auf das Evangelium Johannis und hält eine kurze Ansprache. Er betont, daß er auf kirchlichem Boden stehe, und murmelt ein Gebet. Vor dem Tisch, den Anwesenden zugewendet, sitzen seine Medien, deren Geister er schon bezwungen hat (Medium ist eigentlich ein falscher Ausdruck, denn er verwirft jeglichen Spiritismus als schwarze Magie). Am selben Tisch sitzen die sogenannten Führer. Die Andächtigen sind meist arme Leute aus Berlin N oder O mit durchfurchten Wangen und Werktagsgesichtern, Männer und Frauen und Mädchen krankhaften Aussehens. Schon nach den ersten Musikklängen suchen die Geister, die er seit Jahrzehnten bekämpft, in der Masse ihre Opfer. Man hört plötzlich ein schweres Atmen und Stöhnen. Ein Mann hebt die Hand, und sein Kopf sinkt im selben Augenblick an die Stuhllehne. Er läuft blaurot an und stößt kehlige Laute aus. Der Meister oder ein Füherr, manchmal auch ein junges Mädchen mit markiertem Busen in straff sitzendem Sweater eilen in die Reihe, woraus die Laute kommen, um zu helfen. Sie legen eine Hand auf die Stirn des Leidenden, die andere auf die Herz gegend, und in wenigen Minuten erwacht der Besessene mit einem tiefen Atem zug, seine Augen divergieren nicht mehr, schauen verklärt und dankbar den Meister an, und er meldet seine Anwesenheit im Diesseits mit einem erleichterten „Gott zum Gruß“. Dieses Schauspiel wiederholt sich bei anderen ungefähr alle fünf Minuten in der drei Viertelstunden dauernden Andacht. Während die bösen Geister wie reißende Wölfe die Versammelten anfallen, sprechen andauernd in ekstatischem Ton die bezwungenen Geister aus den Medien, die der Meister auf folgende Weise erweckt: Er tritt auf eines der Medien zu, das aufsteht, sichtlich wächst sein Vo lumen, und er meldet den Geist Nebukadnezars, Kaiser Wilhelms oder Napoleons an, dem er jeweils nur sechs Minuten Sprechzeit einräumt. Was sie in der Ekstase hervorstoßen, gleicht einem wüsten Durcheinander von kirchlichem Gesabber und sozialen Vorwürfen. Sie reden sich immer mehr in ihre traumartigen Ekstasen hinein. Automatisch geht es weiter ohne Ende. Schon naht der Meister mit der Uhr in der Hand, stellt sich vor sie hin, und sie finden überraschenderweise einen schnellen Schluß, der jedesmal in eine Hymne an den Meister endet, der ihnen die Brücke zu Gott wird. Er drückt dem Nebukadnezar die Hand, der mit dem bekannten Gurgelton ausatmet und nach dem Krampfzustand seine normale Fassung wiedergewinnt. Solches wiederholt sich bei all den historischen Persönlichkeiten, die der Reihe nach vorgestellt werden und sprechen. Dann tritt eine Pause ein, während der ich mich mit dem Meister unterhalte. 874