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auch reichlich Gelegenheit, da dort der Spiritismus noch heute in einer tropischen Üppigkeit blüht, von der wir uns in Europa kaum einen Begriff machen können. Unter dem Schutze der spiritistischen „Kirchen“ treiben jenseits des großen Wassers viele Tausende von Medien ihr Unwesen. Houdini hatte es sich in den letzten Jahren seines Lebens zur Aufgabe gemacht, die Ausbeutung des Volkes durch Schwindelmedien energisch zu bekämpfen; und er hat denn auch in kurzer Zeit zahlreiche Angehörige dieses einträglichen Berufszweiges zur Strecke gebracht. So sind z. B. auf Veranlassung Houdinis in Los Angeles allein siebzig von ihm ertappte Medien verhaftet und bestraft worden, in San Francisco mehr als ein Dutzend, in Cleveland fünfundzwanzig, in Boston vierzehn. Insbesondere hat sich Houdini als Beobachter bewährt bei der Prüfung des Bostoner Mediums Margery , der Gattin des Chirurgen Dr. R. L. G. Crandon, die sich 1924 um den von der Zeitschrift „Scientific American“ ausgesetzten Preis von 2500 Dollar bewarb. Daß sie ihn nicht bekam, ist Houdinis Verdienst. Der Untersuchungskommission, die bereits das Medium Valiantine beim Betrügen erwischt hatte, gehörten u. a. der Psychologe Prof. William McDougall und Dr. W. F. Prince an, ferner als Sekretär das Redaktionsmitglied des „Scientific American“, J. Malcolm Bird. Außer Bird waren fast alle Mitglieder des Aus schusses davon überzeugt, daß Margery betrog, allein es fehlte der strikte Beweis. Nur Bird war so sehr in den Bann der faszinierenden Frau geraten, in deren Hause er auch verkehrte, daß er eigenmächtig in seiner Zeitschrift günstige Berichte über die Sitzungen mit Margery zu veröffentlichen begann. Da wurde auf Ver anlassung der anderen Ausschußmitglieder, in letzter Stunde sozusagen, Houdini hinzugezogen, dem es dann auch sehr schnell gelang, den Tricks der raffinierten Dame auf die Spur zu kommen. Er hat darüber eine eigene Broschüre veröffent licht und seine Entdeckungen an anschaulichen Zeichnungen erläutert. Bird aber wurde seines Postens in der Kommission sowohl wie im Redaktionsstabe des „Scientific American“ enthoben und entwickelte sich nunmehr zum in offiziellen Propagandachef des Mediums, für das er von da ab im „Journal“ der American Society for Psychical Research lebhaft eintrat. Eine im gleichen Jahre durchgeführte Untersuchungsreihe durch ein Komitee von älteren Harvard-Studenten führte zu einem ähnlichen Ergebnis. Man kam ebenfalls ohne eigentliche Entlarvung zu der Überzeugung, daß Margery durch Befreiung eines Armes oder Fußes aus der Kontrolle oder durch Mitwirkung eines Angehörigen der Crandon-Gruppe betrog. (Dr. Crandon behielt sich stets die Kontrolle der rechten Hand seiner Frau vor!) Einer der Sitzungsteilnehmer, der jetzige Prof. Grant H. Code, zugleich Amateur-Taschenspieler, vermochte unter den gleichen Bedingungen sämtliche Phänomene nachzuahmen. Obwohl diese Untersuchung mit der größten Loyalität durchgeführt wurde, hat Crandon die Untersucher heftig angegriffen; in einem Buch „Margery-Harvard-Veritas“ veröffentlichte er die Protokolle, ließ jedoch die entscheidenden Teile aus, die das Medium schwer belasteten. Auch Bird trat weiter als Verteidiger des Me diums auf. Die Crandons ließen sich nicht abschrecken und gingen weiterhin mit großem Raffinement vor. Die Dunkelsitzungen fanden meist in ihrer Wohnung statt, wo die Gäste reichlich bewirtet wurden. Außer den üblichen Bedingungen stellte 864