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scheinbar eine Person, ein Verstorbener, der über sich selbst oder andere, zu denen er in Beziehung stand, Aussagen macht, die zuweilen erst nach langer mühevoller Nachforschung als richtig festgestellt werden können, weil sie eben keinem Lebenden bekannt sind. Es gibt hier in der Tat äußerst merkwürdige Tatbestände. Dennoch scheint mir auch hier Zurückhaltung gegenüber der spiritistischen Hypothese geboten. Zunächst einmal besteht ein hohes Maß von Verantwortung gegenüber den Millionen, die weder das Material kennen, noch auch zu einem Urteil darüber befähigt wären. Es ist nicht abzusehen, wohin die Kulturentwicklung treiben soll, wenn dem Spiritismus wissenschaftliche Beglaubigung zuteil würde. Die Auf klärung hat hier unter unerhörten Kämpfen einen Damm gegen den Dämonismus früherer Jahrhunderte aufgeworfen, in den wir uns hüten sollten, eine Lücke zu reißen. Es ist voll verständlich, wenn die neuen Machthaber Chinas fürchten, daß die jüngste Entwicklung der europäischen Wissenschaft dem uralten chinesischen Volksaberglauben an Totengeister neue Nahrung geben werde. Auch hier erfordert es die wissenschaftliche Methodik, die „natürliche“ Erklärungsweise so lange fest zuhalten und so weit vorwärts zu treiben, wie es nur möglich ist. In der Tat aber ist es möglich, alle für die spiritistische Deutung in Anspruch genommenen Phänomene anders zu deuten, durch Annahme supranormaler intellektueller psychischer Fähig keiten und Heranziehung der Spaltungstheorie. Diese Auffassung hat denn auch erheblich an Boden gewonnen. Auch der schon genannte Leiter des Pariser Institut Metapsychique (Staatsinstitut), Osty, steht zu ihr. Vor allem muß betont werden, daß selbst für die spiritistische Auffassung jede Möglichkeit fehlt, die persönliche Existenz der in medialen Phänomenen sich angeblich kundgebenden Verstorbenen auch in den Zwischenzeiten, in denen sie sich nicht äußern, zu erweisen. Man könnte annehmen, daß die abgeschiedenen Seelen überhaupt nur unter den Bedingungen der spiritistischen Sitzungen zu neuem vorübergehenden Leben erwachen. Daß sie dauernd ein solches besitzen, ließe sich unter keinen Umständen beweisen. Eine solche Deutung erschiene mir immer noch annehmbarer als die heute im Spiritismus weitverbreitete, welche eine Art Verdopplung der Welt lehrt und glaubt, daß es auch in der zweiten Welt Häuser, Zigaretten usw. gibt, nur in „feinerer Form. Der Materialbestand an medialen Phänomenen ist in meinen Augen ein nicht mehr anzweifelbarer Beweis, daß die Wirklichkeit noch viel tiefere Seiten hat, als sich ohnehin schon für die neue Wissenschaft unserer Zeit in Physik und Biologie heraus gestellt hat. „Die Welt ist tiefer als der Tag gedacht.“ Aber die Selbstdisziplin der Erkenntnis muß uns daran hindern, leichten Geistes die Grenzen des Erwiesenen zu durchbrechen und logisch mögliche, aber nicht genügend gesicherte Deutungen als haltbar vor weiter Öffentlichkeit hinzustellen. Wissenschaftliche Methodik ge stattet die alleräußerste Kühnheit der Gedankenbüdung Leibniz war Meister darin —, aber sie verlangt zugleich schärfstes Bewußtsein ihres Sicherheitsgrades. Wo freilich von vornherein, aus anderen, nicht mehr erkenntnismäßigen Motiven, Weltanschauung gebildet wird, wie in der Theologie, ist die Benützung des medialen Tatsachenmaterials viel weniger zurückhaltend. Der Wiener Theologe Prof. Hoff- mann hat auf diese Weise den Auferstehungsberichten eine neue Deutung und Stützung zuteil werden lassen, und der schwäbische Theologe Heim benutzt es zur Interpretation des Glaubens an eine einstige Umbildung des Kosmos, wie sie in den chiliastischen Glaubenshoffnungen vorliegt. Die Theologie beider christlichen Kon fessionen hat ja überhaupt niemals den spiritistischen Glauben wirklich fallen ge lassen, sondern ihn bei aller Zurückdrängung doch dem Grundsatz nach stets aner kannt. Wir dürfen uns deshalb auch nicht wundern, daß sie das mediale Material besonders schnell zur Verwertung in ihren Systemen aufgenommen hat. 858