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Schaffner in der Ecke eines Abteils ganz zusammengekauert einen Inder, der wie erstarrt vor sich hinsah und Gebete murmelte. Auf die Aufforderung, seinen Fahrschein vorzuzeigen, antwortete er nicht, er hatte auch anscheinend keinen, und wurde vom Schaffner schließlich aufgefordert, bei der nächsten Station den Zug zu verlassen. Da der Mann sich nicht von der Stelle rührte, wurde er mit Hilfe der Bahnpolizei aus dem Abteil entfernt. Der Inder stand nun auf dem Bahnhofperron, hochaufgerichtet, und starrte die Räder der Lokomotive an. Der Zug war fahrtbereit, der Lokomotivführer wollte losfahren, doch rührte sich die Maschine nicht. Jede Anstrengung war vergebens. Nach einer Viertelstunde wurde man auf den Inder aufmerksam, der noch immer vor der Lokomotive stand und seinen Blick krampfhaft auf die Räder richtete. Da man in Indien derlei mysteriöse Vorgänge des öfteren erlebt hatte, fiel dem Stationschef ein, daß der Stillstand der Lokomotive mit der Anwesenheit des Inders in irgendeinem Zu sammenhang stehen könnte. Er wendete sich nun höflich an den zerlumpten Mönch und wies ihm einen Platz im Zuge an. Kaum hatte der Inder wieder seinen Platz eingenommen, als das Hindernis aufhörte und der Lokomotivführer mit Leichtigkeit die Maschine in Bewegung bringen konnte. Wie ich mich erinnere, hat dieser Vorgang im Kloster, dem der Mönch angehörte, Mißstimmung hervor gerufen, da kein Yoghi berechtigt ist, die geheimen Kräfte zu eigennützigen Zwecken zu mißbrauchen. Er wurde augenblicklich aus der Gemeinschaft der Brüder ausgeschlossen. * Die oft bewunderten Fähigkeiten der Fakire sind auch darauf zurückzuführen, daß sie in den meisten Fällen Jahre in einem solchen Mönchskloster verbracht haben. Zumeist handelt es sich um Personen, die aus irgendeinem Verschulden den heiligen Ort verlassen mußten. Um ihr Leben zu fristen, produzieren sie sich dann für Geld. Ihr Geheimnis ist anerzogene Willenskraft, die Gewalt der Seele über den Körper. Die europäische Zivilisation hat sich an der Menschheit schwer versündigt: die abendländische Kultur ließ die wertvollsten Fähigkeiten des Menschen, die geheimen Kräfte des Körpers und der Seele, verkümmern. Die Wissenschaft des Altertums, die älteste Wissenschaft der Menschheit, ging bei den Europäern verloren, es werden jetzt die ersten tastenden Versuche gemacht, ihre Spur zu finden. In Indien hat sie aber eine uralte, religiöse Tradition bis zum heutigen Tag aufbewahrt. * Ich bin nach zwölfjährigem Klosterleben aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgetreten, da mir meine innere Stimme befahl, ins praktische Leben zu treten und auf die Menschen unmittelbar zu wirken. Da ich auf einen Erwerb angewiesen war, entschloß ich mich, die Versicherungslaufbahn einzuschlagen, denn dieser Erwerbszweig entsprach meinen ethischen Prinzipien noch am ehesten. Ich bin Direktor einer englischen Versicherungsgesellschaft in Ajmer (Indien). Ich bin auch Freimaurer aus der Überzeugung heraus, daß die Ethik des Westens mit den ethischen Anschauungen des Orients in Einklang gebracht werden muß. (Aus einem Gespräch mit Dr. L. Frank) 2 853