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20. Jahrhundert, das Radio und Fernsehen kennt, und das schon bald so weit sein wird, daß man wissen wird, warum ein kranker Mensch eigentlich krank ist? Und Weißenberg, der rotnasige und bierbäuchige „Heilige Geist“-Ersatz für Berlin NN, tut der nicht auch „Wunder“, wenn er einen todgeweihten Dackel zum Leben erweckt? „Prophezeit“ er nicht auch, wenn er seinen Gläubigen sagt: Gebt mir Euer Geld, es wird bald nichts wert sein, ich kaufe dafür Boden! und wenn er — der Droschkenkutscher oder Bierwirt, der er war — seinen Schäflein dadurch jene Wolle rettet, um die andere, geistiger durchbildete Hirten ihre Lämmlein auf der weiten Flur deutscher Volkswirtschaft gebracht haben ? Wunder! Ich sah mit eigenen Augen beim Spukmedium Vlcek in Prag Funken von kaltem Feuer durchs Zimmer wandern; ich sah einen schweren Küchentisch minutenlang bei Licht tanzen und den Takt zu einem grammophongekrähten Militärmarsch schlagen, während keine Hand und kein Knie und keine Fußspitze ihn berührte. Wunder! Wer Wunder für Skeptiker sehen will, mag in die Universi tätsstadt Graz fahren — den gebildeten Europäern sei kund, daß Graz in Österreich liegt, Hauptstadt von Steiermark, mit etwa 150000 Einwohnern, Besuch um so lohnender, als dort angesichts starker Heimwehrbewegung jeder Reichsdeutsche sich wie zu Hause fühlen wird, bei billigen Preisen. In diesem Graz gibt es zu sehen: das Spukmedium Frieda Weißl; ließ Grammo phonplatten vor drei einwandfreien Zeugen, alles geschulte skeptische Beobachter, aus einem Zimmer in ein anderes durch die geschlossene Tür wandern. Geschirr, Tintenfässer, Gläser fliegen bei hellem Tage durch den Raum, zerschellen. Kleider von Besuchern werden zerrissen. In diesem Graz gibt es ferner einen behördlich approbierten Hühneraugenschneider, der in einem Parterrelokal mit Blumen an den Fenstern, über die Füße seiner Klienten gebeugt, okkulte Weisheiten von sich gibt, denn er ist Präsident des „Bundes ernster psychischer Forscher“, was sich Justinus- Kerner-Bmd nennt, und dem Professoren als Gönner und Ehrenmitglieder an gehören. Bei dem Herrn Präsidenten traf ich eine würdige Dame, die Krankheiten erkennt durch Bestreichen — nicht nur von lebenden Menschen, nein, sondern auch von Fotos. Sie erkennt Tote, erkennt, woran sie starben — sagt sie. Diese Prophetin, die übrigens kein Geld annimmt, lebt von etwa 10 Mark monatlich, ißt nur jeden zweiten Tag: mehr wäre Völlerei. In demselben Graz, gleich um die Ecke, ist ein Wirtshaus an der Mur, dort kehren alle Kranken ein. Sie trinken, wenn sie Geld haben, einen „Gespritzten“, das ist Sodawasser mit einem leichten Wein gemischt, und dann kommt zu ihnen Herr Hacke, setzt sich, sieht sie starr an, fragt nach nichts, beginnt ihnen zu erzählen, wo es fehle, welche Beschwerden sie haben, erkennt zum Beispiel richtig abgelaufene Lungenprozesse im linken Oberlappen, erkennt aber nicht einen Zwerchfellhochstand rechts — ist also zwar nicht unfehlbar, aber ein Hellseher, da er durch Winterrock und Mantel hindurch „sieht“, meinem Nachbar richtig eine überstandene Gallen blasenoperation und dem zweiten ein Magengeschwür auf den Kopf zusagt, das erst kurz vorher der Internist bei ihm gefunden hat . . . Wunder? Wer wird denn noch an Wunder glauben! Im selben Graz, dem Mekka der Geister, lebt noch eine alte, schwerkranke Dame, soundso viel Prozent Zucker, ein Sohn ist Universitäts-Assistent in Amerika, die Töchter im Beruf, sie selbst weißhaarig, weitabgekehrt, dabei von einer vornehmen Heiterkeit und Ruhe, wie ich sie nur bei wenigen Großen der Erde gefunden habe: Marie Silben, die große Geisterseherin. Sie glaubt an Geister, glaubt an den Geist „Nell“, der ihr erscheint, manchmal körperlich als Bild, manchmal nur im Klopfen in Tisch und Stuhl, manchmal gibt er ihr oder ihren Gästen unter dem Tisch die 847