1 Rudolf Qroßmann: Max Scheler Begabung gewissermaßen preisgegeben. Nur ganz sel ten gelang es ihm, und auch dann nur unter äußerem Druck, große Zusammen hänge in entsprechender Form zusammenzufassen. Von sich aus lebte er seinen Geist in losen Blättern aus, die immer gleichzeitig vielen möglichen Werken angehör ten. Diesen Nachlaßband hat Schelers Witwe aus solchen losen Blättern zusammenge stellt und redigiert. Und o Wunder!: dieser Nach laß, obwohl fragmentarisch, hat mehr echte Form als alles, was ich von Scheler sonst keime. So sei hier zuerst Marie Scheler meine Bewunderung ausgesprochen: mögen sie Freunde des Schelerschen Geistes noch so sehr beraten haben — nur eine tiefe Versteherin und Liebende des Menschen Scheler konnte es fertigbringen, dessen Intention in eine Form zu gießen, die ihm wahrscheinlich besser entsprach, als er sie selber und allein gefunden hätte. Doch nun zum Inhalt. Das Wunderbare, für diese Zeit so besonders Wichtige an diesem Werk liegt gerade darin, was Scheler vielfach vorgeworfen woden ist: daß er hin- und herdachte, zu keinem inneren Abschluß gelangte. Aber wie sollten persönliche Fragen je für alle Welt abschließend beantwortet werden? Würden sie es, so wären die Antworten jedenfalls für jeden persönlich Erlebenden wertlos, denn die Intimität jedes kann nur Eigenes und dem Eigenen Gemäßes befriedigen. Gewiß gibt es persönliche Wahrheit, die zugleich allgemeingültig ist: gerade dar über enthält Schelers Nachlaßband sehr glückliche Bestimmungen. Doch worauf es bei der Förderung des persönlichen Lebens ankommt, ist vor allem dies, daß der Rhythmus des Gelesenen den Eigen-Rhythmus des Lesers beschwingt. Und dieses ist bei diesen Betrachtungen Max Schelers mehr als bei irgendeiner seiner früheren Schriften der Fall. Soll ich überhaupt auf Besonderes hinweisen? Bis zur Todesstunde — buch stäblich — rang Scheler geistig mit dem Unsterblichkeitsproblem. Hier finden sich wunderbar förderliche Spuren dieses Ringens, des allgemeinen Ergebnisses, daß letztlich nur das Einzige Substanz hat. Scheler zeigt, daß der Mensch persönlich immer nur durch das Vorbild gefördert wird. So ist die persönlich entscheidende Frage letztlich die: wer kann mir, meinem tiefsten Wesen Vorbild sein? Das Köstlichste aber an diesem nachgelassenen Buche sind die Betrachtungen über Scham und Schamgefühl. Über diese Probleme kenne ich überhaupt nichts Tieferes und Zartsinnigeres zugleich. Das Wesentliche am Menschen ist nur sein schlechterdings Intimes. Die Grenze zur Außenwelt behütet die Scham. Scham verlust, und sei es auch nur im Verstände eines Verlusts des Sinns für Intimität, bedeutet den Beginn von Entmenschung. 467