Volltext Seite (XML)
Hamburgensien Am Alsterufer trägt jedes dritte Haus einen Zettel: „Grundstück mit Vorland zu verkaufen.“ Nicht von der sozialen Umschichtung, die hier plakatiert wird, seit der Inflation immer noch stoßweise zunehmend, soll hier erzählt werden, sie ist keine Hamburgensie. Aber was ist Vorland? Eine Hamburgische Eigen art, die allem Anschein nach die Um schichtung überdauern wird. Vorland ist nämlich der große Lustgarten, der Park, unmittelbar am Wasser, von der Villa oder dem Herrenhause durch Bürgersteig und Fahrstraße getrennt. Das Vorland verrammelt, Garten an Garten, den Uferweg, den Weg am Wasser. Das Vorland ist bei aller Schönheit keine soziale Einrichtung. Die Spaziergänger erhalten vom Staat jedoch eine kleine Entschädigung. Sonn tags ist das Radfahren auf dem schma len ungepflasterten Wege zwischen Fahrweg und Vorland verboten. Doch, wer Sonntags an der Alster sich ergeht, hat mehr Volksbelustigung als Natur genuß. Daß es jeden Sonntag regnet, ist kein Naturwunder, denn die Regen zeit dauert bei uns vom t. Januar bis zum 31. Dezember. Aber dazwischen gibt es, Sommer und Winter, lidtte Augenblicke, und das sind wahre Märchenträume. Verkehrsbücher und Fremdenführer nennen Alster, Elbe, Stadtpark. Eine seltenere Naturschönheit nennt keins. Wir haben in der Stadt, vom Zentrum, vom Stephansplatz in zehn Minuten mit der Hochbahn zu erreichen, eine echte Moorlandschaft, das Eppendorfer Moor. Noch vor einem Vierteljahr hundert gingen alle Sdiulklassen hier botanisieren. Heute stehen die Pflanzen unter Naturschutz. Nicht das Moor! Verkleinert durch Baugelände, Schre bergärten, Spiel- und Sportplätze, steht das Moor vor dem Untergang. Sobald die Mittel es erlauben, will es der Senat trockenlegen und mit der Uni versitätsstadt bebauen. Es ist nicht mehr der Senat von 1914, aber er hält an vielen alten Traditionen fest. Zu ihnen gehören die Senatsempfänge. Es gibt schlichte Vormittagsempfänge, festliche mit Mittagessen, intime Nachmittagsemp fänge mit Tee und gemütliche mit Abendbrot. Der regierende Bürger meister steht am Saaleingang und schüttelt jedem Eintretenden die Hand. Stehend hört man ein paar Reden an. Dann öffnen sich die hohen Türen zu den Eßräumen. Von da an gibt es keine Reden mehr. Beim Abendbrot gibt es auch keine festgelegte Tischord nung. Kleine, ungedeckte Tische, die weißgescheuerten Holzplatten ohne Tischtuch. Sogar Bieruntersätze werden verschmäht. Größere Tische, sehr große, sind mit betonter Schlichtheit bestellt — und mit unverkennbarer Fülle. Vom Roastbeef mit Jüs, sprich Schüh, bis zum Heringssalat ist alles da, was in Hamburg zum kalten Büfett gehört. Jeder bedient sich selbst, und die meisten nicht zu knapp, denn die Ham burger sind gute Esser, und man hat das Gefühl: es wird einem gegönnt. Jetzt kommen nur noch zwei feierliche Augenblicke. Der erste ist, wenn der Bürgermeister zur Zigarre greift. Dann tragen die rotweiß galonierten Diener, die in kleinen Gläsern und nicht allzu häufig „Hiesiges“ reichen, große zwei armige Leuchter mit brennenden Wachs kerzen zum Zigarrenanzünden herum, und Herren im schlichten Abendanzug, es sind mittlere Beamte der Senats kanzlei, Sekretäre und Obersekretäre, bieten die Kiste an, ohne sie aus den Händen zu geben. Der zweite und letzte feierliche Augenblick ist, wenn der Bürgermeister sich erhebt, Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. So zwanglos geht es kaum in irgend einer anderen Hamburger Gesellschaft zu und wohl bei keinem anderen Re gierungsempfang der Welt. Zwangloser aber im Hamburger Künstlerklub. Ja, 636