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Aber nein, es ist doch ein gewaltiger Ernst hinter all den Schienennetzen und Wallstreetmanövern zu spüren, es ist die Leistung eines Geistes, der rechtzeitig die Konjunktur als günstig erkannt hat und in seinen vielen Positionen als Direktor der Deutschen Bank in London, als Leiter der amerikanischen Filiale von Speyer, als dreißigjähriger Mitinhaber des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. die Verhandlungstechniken und Berechnungen der Phantasie in Wirklichkeit um gesetzt hat. Seine Partner bei der Reorganisierung der Eisenbahn waren keine geringeren als die Gebrüder Warburg und Jakob H. Schiff. Eisenbahnen waren vor vierunddreißig Jahren noch nicht eine Weltmacht, doch Kahn schwebten in dem Riesenland Amerika die Ausbeutungs- und Nutzmöglichkeiten einer rentablen Union Pacific vor. Die Anfänge dieses Bahnbetriebes waren unrentabel, stümper haft. Kahn schulte bei dieser ersten Bahnfinanzierung seine Kenntnisse, erweiterte seine Macht über die Baltimore und Ohio, die Chicago und East Illinois, die Texas, die Missouri Pacific. Der König Edward H. Harriman bewarb sich um die geschäftliche und persönliche Freundschaft des jungen Deutschen. Damals spielen sidi die gewaltigsten Börsen- und Lebenskämpfe zwischen Morgan und Harriman ab. Harriman siegte, von Kahn wohlweislich mit zweihundert Mil lionen Dollar unterstützt. Damit gewann Kahn gleichzeitig die Rockefellersche Standard Oil Company als Mitstreiter für Harriman. Dieser geniale Schachzug mußte eine Millionen Dollar einbringen. Die Eisenbahnen rollten durch die Kon tinente, warfen bares Gold aus ihren Waggons, die Standard Oil erhielt die größten Lieferungsaufträge aus allen Welten und konnte gleichzeitig die ihr zur Verfügung stehenden ßeförderungsmöglichkeiten ausnutzen und billiger als Kon kurrenztrusts liefern, die damit zum Untergang verurteilt waren. Dann erschien Kahn wieder als der Retter, er reorganisierte die im Nieder gang befindlichen Gesellschaften, um die internationale Finanzwelt vor Kata-' Strophen zu bewahren. Obligationen der Städte Paris, Lyon, Marseille in Höhe von iio Millionen Dollar wurden durch Kahn gesichert. Seine Dollars rollten übeiall hin und entfesselten eine neue Jagd, eine Sehnsucht nach dem gewaltigen Lande, das heute ebenfalls mit Arbeitslosenziffern und Krisen aufzuwarten weiß. Kahn hat auf einem Bankett sein Bekenntnis zur Romantik abgelegt, er ist der Deutsche mit der romantischen Sehnsucht, die, ins Materielle umgesetzt, Millio nen und nochmals Millionen erzeugt: „Reorganisationen verkörpern ein Element der Romantik. Eine in Konkurs geratene Gesellschaft mit wenigen Eisenbahn schienen zu übernehmen und mitzuwirken an der Durchführung einer Um wandlung, die ein gewaltiges, dem Lande dienendes System ins Leben ruft, ist eine Art schöpferischer Arbeit, die mich fasziniert.“ Unter dieses Kapitel der schöpferischen Arbeit fallen die Kunstankäufe, die Opernorganisationen, die Reinhardt-Tourneen, die jüdischen Theater-Gastspiele usw. Ganze Klempnerläden von Auszeichnungen aller Länder können die Knopf löcher in Kahns erstklassig gearbeiteten Anzügen verschönen. Militärordonnanzen weilen bei Otto H. zu Gast, Dichter träumen auf seiner Rekordjacht von einem noch schöneren Leben und berichten von dem musikliebenden, musikfördernden, musikerfüllten Otto H., den das Quietschen seiner Eisenbahnen genau so wie der Klang der großen Orchester begeistert. (Deutsch von Fred Colman) 629