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schultriger Mann. Er schüttelt meine Hände; er erinnert sich meiner gut, er hat mir damals geschrieben, und für den Artikel gedankt. Ja, zwei lange Briefe, ja, aber . . . Und ich bin Edvard Munchs Gast. Er wohnt allein in dem großen, öden Haus. Man sagt, er sehe wochenlang, monatelang keinen Menschen. Er ist der große Einsame geworden. Er ist wie Norwegens anderer großer Künstler, Knut Hamsun, kein Mitmensch mehr, sondern ein Mythos. Und doch ist es ein Mensch, der mich plaudernd durch die großen, leeren Zimmer führt, Zeichnungen wegschiebt, damit ich nicht über sie stolpere, und darum besorgt ist, daß ich Mantel und Hut ablege. Es liegen viele Zeichnungen, graphische Blätter auf Stühlen und Tischen herum, sogar auf dem Boden. Nur wenig Möbel sind da und wie zufällig hingestellt. Kein Versuch, die Zimmer wohnlich zu machen. Die Wände sind mit Bildern und Skizzen be deckt. Auch mit Zeitungsausschnitten, Kritiken, Briefen usw., die mit Reißnägeln festgemacht sind. Ich merke, Munch ist ängstlich, daß ich zu nahe komme. Auf dem Klavier steht ein Lehmklumpen. Das ist eine Skulptur von Munch. Er formt in rotbraunem Ton. Ich bin mit Sehen zu sehr beschäftigt, um richtig hören zu können, was er erklärt. Eine Skulptur von Edvard Munch! Das ist ja unbegreif lich. Nein, es ist doch nicht unbegreiflich. Ich sehe, sie hat Farbe. Nein, nein, nicht wie Klingers polychrome Wachsplastik. Aber so wie Zeichnungen in Schwarz und Weiß voller Farbe sein können, in allen Nuancen, die zwischen den Polen von Tag und Nacht liegen. Ich glaube, er sagte, er könne es noch nicht. Er treibt mich an. Er führt mich in die Küche hinaus. Das ist die einzige Stelle im Hause, wo geheizt ist. Er malt auch da. Wir setzen uns an den weiß gescheuerten Küchentisch; er schenkt in breite, flache Gläser ein. Er heißt mich willkommen, zwischen blankgeputzten Kupfer- kasserolen und schwarzen Töpfen. Er dankt mir wahrhaftig noch einmal für meinen kleinen Artikel. Ich verkrieche mich in ein Mauseloch. Er ist groß, hat breite Backenknochen und ein gewaltig hervorstehendes Kinn. Es ist ein Kämpfer, der vor mir sitzt, einer, der gegen eine ganze Generation gekämpft hat und sie besiegte. Vor einem Menschenalter schrieb sein Freund Przybyszewski von ihm, die Angriffe gegen ihn hätten alle menschlichen Grenzen überschritten, und er habe der Welt gegenüber nur einen Beweis für sein Genie: Hunger und Elend. Und das war buchstäblich wahr. Einige seiner herrlichsten Zeichnungen sind beim Licht einer Straßenlaterne entstanden, weil er kein Geld für Petroleum hatte. Trotzdem blieb er dabei, nach seinem eigenen Kopf zu malen. Und nicht die vielen, die versicherten, daß er verrückt war, haben Recht behalten; sondern er selbst, der sich nicht beirren ließ. Mein Blick fällt auf ein Bild zwischen den Küchengeräten, einen van Gogh: den Irrenhausgarten in Arles. „Ein Piperdruck?“ frage ich. „Das ist gut gesehen“, sagt er, „Direktor Thiis von der Nationalgalerie in Oslo glaubte, es wäre ein Original. Es ist aber wirklich ein Piperdruck.“ Und ich krieche wieder aus meinem Mauseloch heraus. Er fährt fort: „Es ist übrigens auch egal. Er ist ebenso gut.“ — Er hat Recht: denn es ist eine Übertreibung mit den Originalen. Munch hat in seiner Küche den Irrenhausgarten so vor sich wie sein großer Bruder van Gogh ihn gesehen hat, der den Kampf durchführen wollte, aber geisteskrank 624