Volltext Seite (XML)
steckt, macht sich ein Be harrungstrieb breit, der an Schwachsinn grenzt. Statt dankbar zu sein für jede Erweiterung ihrer Hori zonte, sucht man etwas darin, jede neue Bestre bung zu diskrediüeren. Und das alles mit dem vollbärtigen Brustton, mit dem akademisch unantast baren Vortrag des Vereins spießers, der es nicht dul den kann, daß die Land partie nun mit dem Auto gemacht wird, wo es doch 37 Jahre lang mit demZwei- spänner gegangen ist. In keiner Disziplin macht sich der Typus des Lehrbeamten so breit wie im akademischen Musik unterricht. Überhaupt haben wenige Fakultäten geistigen Schaffens den Be amten so kultiviert wie die Musik. Man erinnert sich an das Stöhnen der Entrüstung, das durch die Fach- und Tagespresse vor ein paar Jahren lief, als ein fortschrittlicher Akademiedirektor den Entschluß gefaßt hatte, seinem Institut eine Jazz-Klasse anzugliedern. Keine Rüstung war verrostet genug, um nicht im Kampf gegen dieses einfache und wahrhaft moderne Projekt herhalten zu müssen. Die zunehmende Verformelung der Musik, in der Tat ein bedenkliches Ver fallszeichen, ist ausschließlich auf die Herrschaft dieses Spießertums zurückzu führen. Wie ihm zu begegnen wäre, ist schwer zu sagen, da der Musikbetrieb und das ihm verbundene musikalische Beamtentum im bürgerlichen Leben eine un geheure Rolle spielt. Solange dieses Leben nicht ernsthaft in Frage gestellt ist, wird man dem sozial hochgestellten Musiker, unter dessen Händen die Musik als Kunst zu zerbrechen droht, kaum beikommen können. Und gerade das Publikum, das den Substanzverlust der göttlichsten Kunst am unvermitteltesten zu spüren kriegt, das also an ihrer Erhaltung interessiert sein sollte, wehrt sich am heftigsten gegen jeden Versuch, die Überheblichkeit des Musikspießers zu entgöttern. Man kann zwar nicht behaupten, daß der Typus des Musikers, der Dirigent, der Pianist, der Geiger (beim Sänger, der hier die Ausnahme bildet, liegt der Fall anders) heute auch nur annähernd die Popularität genieße wie im 19. Jahrhundert etwa Paganini, Liszt und Rubinstein. Im Gegen teil: der Virtuosenkult ist eine Angelegenheit kleiner Schichten geworden. Aber eben das Kultische daran scheint stärker betont. Sollte die jedem Menschen ein geborene Tendenz zur Götterverehrung beim modernen Großstadtbewohner ins WJV Josef Lauer 621