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Bei der Eröffnung der „Follies“ in Atlantic-City 1915 telefonierte er mit seiner Frau nach Kalifornien — was damals gänzlich unerhört war — und, fortgerissen von dieser Leidenschaft, brachte er es alsbald auf eine monatliche Telefon rechnung von dreihundert Dollar. Diese Rechnungen sind seither angewachsen, man schätzt sie jetzt auf fünfzig Dollar täglich. Einer seiner Mitarbeiter berichtet, er verbringe sein Leben gradezu am Telefon, und wenn er nicht telefoniere, so sende er Telegramme von märchenhafter Länge und unausdenklichen Einzel heiten. Telegramme von sechshundert Worten, enthaltend kritische Bemerkun gen, Aufmunterungen, überflüssige Kommentare und heftige Ausfälle sind für ihn etwas Gewöhnliches. Eine Folge solcher Bekanntmachungen zeigt auch seine Verrücktheit in bezug auf die Kostüme. In Boston trat einmal „Sally“ auf, und Ziegfeld selber probte grade in New York, als ihn plötzlich der Gedanke besessen machte, das eine der Kleider von Miß Marilyn Miller müsse gereinigt werden. Darauf sandte er an Miß Miller ein langes Telegramm, worin er ihr auftrug, das Kleid aus dem Hause zu tun, zugleich telefonierte er an den Bostoner Geschäfts führer, an die Garderobeverwalterin, an den Regisseur und schließlich nochmals an Miß Miller selbst. Zum Schluß telegrafierte er auch an die Wäscherei, die er für diesen heiligen Auftrag ausersehen hatte, und nach Abgang des Telegramms rief er dort auch noch an. Am Abend mußte ein Bote von New York nach Boston fahren, um ihn darüber zu beruhigen, daß der Gedanke dort auch Wurzel gefaßt und zur Tat geworden war. Gewöhnlich spricht Ziegfeld kurz nach sieben Uhr morgens. Bei einer ge wissen Schläfrigkeit oder Traumseligkeit ist er keineswegs ein Langschläfer. Auch wenn er recht spät zu Bett geht, ist er früh auf. Dann liest er seine Post und telefoniert — angeregt oder aufgeregt. Nicht selten haben sich seine Untertanen über seinen Einbruch in ihren Schlaf beklagt. Die meisten haben nachgegeben. Aber auch die ändern waren immer wieder bei der Hand auf „Ziggys“ Ruf. Aus welchem Grund ist Ziegfeld als Chef so anziehend, wie es heißt? Vielleicht weil er sich gar nicht zu denken vermag, daß einer seiner Angestellten ihn ver lassen könnte. Viele seiner Leute haben ihre besten Jahre für ihn verbraucht. Sein Hauptgeschäftsführer, Kingston, war dreißig Jahre in seinen Diensten, solange er lebte; auch sein Nachfolger erklärt, es wäre ganz unmöglich, von Ziegfeld wegzugehen. Er gilt für umgänglich; seine Sekretäre und Mitarbeiter erzählen, welche Wut sie bei seiner unglaublichen Charakterschwäche und Unverantwortlichkeit erfaßt. Dann aber fallen sie um und schwören freiwillig, niemals bei jemand anderem zu arbeiten. Ziegfeld weiß das auch ganz genau. Reporter erzählen, daß sie, Monate und Jahre nach ihrem Weggang, Instruktionen von Ziegfeld bekommen, der sie ganz fröhlich noch in der alten Verbindung begriffen glaubt. Ziegfeld duldet keine Desertion. Als die bekannte Fanny Brice ihr erstes Kind bekam, war sie grade Hauptstar der Follies, sie spielte noch im achten Monat. Allbekannt ist ihre damalige Bemerkung: „Mein gutes jüdisches Kind wird doch nicht die Mama vom Geldverdienen abhalten wollen.“ Schließ lich aber mußte sie die Bühne doch verlassen. Ziggy aber telegrafierte ihr, er begreife nicht, wie man so undankbar sein könne, sich bei einem so ausgezeich neten Vertrag in einen solchen Zustand zu versetzen. 618